Diese Minuten müssen ein Horror sein für Uli Hoeneß. Die geladene Zeugin, eine Steuerfahnderin aus Rosenheim, verliest detailliert die Daten aus seinen Steuerbescheiden der Jahre 2002 bis 2009. Jedes Mal, wenn sie das zu versteuernde Einkommen nennt, ist dem Bayern-Präsidenten das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. "2007: zu versteuerndes Einkommen 10.839.659", liest die Fahnderin vor. Hoeneß wird noch röter als er ohnehin schon ist. Er wirft einen kurzen, verschämten Blick ins Publikum. Wie reagieren die Leute?

Gerade passiert im Gerichtssaal das, was Hoeneß nie wollte. Seine privaten Daten und seine jährlichen Kontostände werden ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Der Big Boss des Fußballvereins Bayern München, der sein Privatleben immer schützen wollte, muss sich öffentlich entblößen. Nichts kann er tun, nur warten und alles über sich ergehen lassen. Wie ausgeliefert sitzt er da.

Wohl kaum einer hätte gedacht, dass ausgerechnet Hoeneß einmal in diese Situation kommt. Vom Ankläger ist er zum Angeklagten geworden. Er agiert nicht mehr, sondern reagiert nur noch. Als der Vorsitzende Richter Rupert Heindl die Steuerfahnderin mitsamt dem Zahlenwerk nach vorne an den Richtertisch bittet, treten Staatsanwalt und die Verteidiger hinzu. Auch Hoeneß hätte das Recht, Einblick in die Unterlagen zu nehmen.  

Doch er bleibt sitzen. Wartet. Die Hände liegen auf dem Tisch. Die Lippen presst er zusammen. Seine Gesichtsfarbe verrät, dass ihn die Sache im Inneren nicht kalt lässt. Doch es dringt nichts mehr nach außen. Kein Ausbruch, keine Verteidigung, kein Wort. Am Montag noch hatte er dem Gericht ausführlich seine Lage geschildert. Jetzt sitzt er nur noch da.

Hoeneß schweigt nur noch

Das Reden überlässt er seinen drei Verteidigern. Zwei junge Anwälte melden sich zu steuerrechtlichen Fragen zu Wort: Da könne Herr Hoeneß selbst nichts beitragen, sagen sie. Hauptverteidiger Hanns W. Feigen, ein Haudegen unter den Verteidigern, ist zum persönlichen Sprachrohr von Hoeneß geworden. Er nimmt für den Angeklagten vor Gericht Stellung – und spricht doch vor allem direkt zu ihm. Heftig fiel er ihm am Montag ins Wort. "Erzählen Sie keinen vom Pferd!", blaffte er ihn an, als er sagte, dass die Recherchen des Magazins stern nichts mit der Selbstanzeige zu tun haben. Als Hoeneß weiter redete, schrie er: "Herr Hoeneß, auf den Punkt! Sie haben sich doch verrannt." Hoeneß gab klein bei. Mittlerweile lässt er sich einen solchen Ton gefallen. Selbst dem eigenen Verteidiger widerspricht er nicht mehr. 

Der thematisiert an diesem Dienstag den Prominentenstatus von Hoeneß und deutet mit einer Frage an, dass dieser besonders hart behandelt werde. Feigen berichtet, dass bei der Durchsuchung zahlreiche Beamte und Staatsanwälte und sogar ein Oberstaatsanwalt zugegen waren. Der Verteidiger fragt die Steuerfahnderin, ob ein Steuerstrafverfahren normalerweise so beginne. "Ich hab’s noch nicht erlebt", antwortet die Steuerbeamtin. "Danke", sagt Feigen. Er wirkt zufrieden.