Bald doch Fracking in Deutschland? – Seite 1

Im Wahlkampf im vergangenen Sommer schien das Thema mausetot. Alle der damals im Bundestag vertretenen Parteien hatten in ihre Wahlprogrammen einen Abschnitt zur Fracking-Technologie bei der Öl- und Erdgasförderung geschrieben. Alle haben die Anwendung in Deutschland mehr oder minder klar abgelehnt. Denn eine Mehrheit der Bundesbürger ist laut Umfragen dagegen, dass Rohstoffkonzerne Flüssigkeiten in die Erdkruste pumpen, um mehr Öl und Gas herauszubekommen. Es wurden keine Genehmigungen für Bohrungen mehr erteilt. Doch nun, eine Bundestagswahl und eine Krim-Krise später, steht das Thema wieder auf der Agenda.

Warum lebt das Thema wieder auf?

Ein Grund, warum die Debatte nie beerdigt wurde, ist der Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD. Dort wird die unkonventionelle Erdgasgewinnung, insbesondere die Schiefergasförderung, die gemeinhin mit Fracking gleichgesetzt wird, zwar als "Technologie mit erheblichem Risikopotential" bezeichnet. Anstatt aber – wie bei der Kernkraft – ein Moratorium anzukündigen, ließen die Koalitionäre im Vertrag eine Hintertür offen: "Über Anträge auf Genehmigung kann erst dann entschieden werden, wenn die nötige Datengrundlage zur Bewertung vorhanden ist und zweifelsfrei geklärt ist, dass eine nachteilige Veränderung der Wasserbeschaffenheit nicht zu befürchten ist."

Dann spitzte sich die Ukraine-Krise zu. Nachdem Wladimir Putin vor zwei Wochen die Krim zum Teil des russischen Staatsgebietes erklärte, kochte hierzulande die Debatte um die Versorgungssicherheit Deutschlands mit russischem Öl- und Gas wieder hoch. Gut ein Drittel des Erdgasbedarfs deckt Deutschland aus russischen Quellen. Sollten diese – allen Beteuerungen des Gazprom-Chefs und der historischen Erfahrung zum Trotz – nicht mehr zur zur Verfügung stehen, müsste mehr Gas aus anderen Quellen kommen.

Schätzungen zufolge könnten 0,7 bis 2,3 Billionen Kubikmeter Schiefergas gewonnen werden. Ein Gas-Boom wie in den USA wird es damit nicht geben. Die Förderung könnte in etwa den Rückgang ausgleichen, der bei Gas aus konventionellen Lagerstätten seit zehn Jahren beobachtet wird, schätzen Experten.

Was genau ist Fracking?

Mit dem Begriff wird das Aufbrechen von Gestein bezeichnet: Wird Wasser mit hohem Druck in den Untergrund gepresst, entstehen Risse (Fractures). Über diese Risse kann mehr Gas aus dem Gestein zum Bohrloch strömen und gefördert werden. Das Verfahren wird in der Gasindustrie seit Jahrzehnten eingesetzt. Ein Drittel des heute in Deutschland geförderten Gases kommt aus Bohrungen, die durch Fracking "stimuliert" wurden.

In die Kritik geraten ist die Technik im Zusammenhang mit der Gewinnung von Schiefergas. Dabei handelt es sich um Erdgas, das nicht – wie üblich – in porösen Schichten lagert, sondern in dichtem Schiefergestein. Um es zu erschließen, muss deutlich mehr "gefrackt" werden. Damit vergrößern sich die Umweltgefahren, warnen Kritiker.

Kritiker fürchten vergiftetes Grundwasser und Erdbeben - die Industrie hält die Flüssigkeit für harmlos

Welche Gefahren drohen?

Beim Fracking wird neben Wasser auch Spezialsand verpresst. Die Partikel sollen die feinen Risse dauerhaft offen halten, auch dann, wenn das Wasser wieder abgepumpt wird. Damit die Körnchen besser transportiert werden, werden dem Wasser bestimmte Chemikalien zugesetzt. Weiterhin gibt es Zusätze, die etwa Bakterien abtöten sollen, damit sich kein Faulgas bildet. Insgesamt enthält die Fracflüssigkeit zwischen ein und fünf Prozent solcher Zusätze.

Kritiker fürchten, dass die Chemikalien das Grundwasser verunreinigen. Die Gasfirmen halten dagegen, dass zwischen den mehrere hundert Meter tiefen Schiefergas-Lagerstätten und dem Grundwasser mächtige Gesteinspakete liegen und die Bohrlöcher im oberen Teil mit Stahl und Beton umhüllt sind. Zudem seien die Chemikalien durch den hohen Wasseranteil stark verdünnt. Erst vor Kurzem haben kanadische Gasmanager demonstrativ an Fracfluid genippt. Zudem forschen die Firmen an neuen Zusätzen. Exxon-Mobil berichtete am Dienstag, im Labor Fluide entwickelt zu haben, die insgesamt nicht wassergefährdend sind und deren Einzelstoffe weder giftig noch umweltgefährlich sind. Nun hoffe man darauf, diese in wissenschaftlich begleiteten Pilotprojekten testen zu können.

Als weitere Gefahr werden Erdbeben genannt. Tatsächlich sind die Erschütterungen während des Frackens so gering, dass sie an der Oberfläche nicht zu spüren sind. Riskant wird es jedoch, wenn der Untergrund bereits unter tektonischer Spannung steht. Fracking kann dann der berühmte Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Das war etwa im britischen Blackpool der Fall, wo die Erde 2011 mit einer Stärke von 2,3 spürbar bebte. Allerdings sind solche menschgemachten Erdbeben - mit teils deutlich größerer Stärke - auch von der Geothermie sowie der massiven Entnahme von Grundwasser bekannt.

Die Situation in Deutschland

Wer fordert Fracking in Deutschland?

Lobbyorganisationen wie der Bundesverband der Deutschen Industrie machen sich seit Jahren dafür stark – und verweisen dabei auf die Erfahrungen in den USA, wo Fracking so umfangreich eingesetzt wird, dass die Gaspreise massiv gesunken sind. Während sie in Deutschland seit 2007 um etwa 60 Prozent gestiegen sind, hat sich Industriestrom in den Staaten seither nicht einmal um zehn Prozent verteuert – auch weil billiges Gas in Kraftwerken verfeuert wird.

Seit der Eskalation der Krim-Krise wagten sich zunächst die zweite politische Reihe mit Forderungen nach Probeanlagen hervor. Als Befürworter gelten etwa der Bundestagsabgeordnete Oliver Wittke (CDU) oder Bernd Westphal (SPD). Auch CSU-Partievize Peter Ramsauer sprach sich für Erprobungen aus, ebenso FDP-Chef Christian Lindner.

Setzen sich die Befürworter durch?

Als etwa vergangene Woche bekannt wurde, dass das britische Unternehmen Rose Petroleum in der Oberpfalz eine Genehmigung für Probebohrungen erhalten hat, warfen Bayerns Grüne der Landesregierung vor, mit gespaltener Zuge zu reden. Anfang dieser Woche deuteten Fracking-Kritiker ein Satz von SPD-Chef Sigmar Gabriel als mögliche Zustimmung. Der sagte in einem TV-Interview, Fracking sei in Deutschland hoch umstritten, weil die Materialien, die genutzt werden, sehr giftig seien. "Ich höre aber, dass die Unternehmen daran arbeiten, ein wesentlich besseres Verfahren zu entwickeln, das muss man dann beurteilen."

Am Mittwoch erteilte Bundesumweltministerin Barbara Hendrix Barbara Hendricks (SPD) dem Fracking aber öffentlich eine Absage. Und Frank Schwabe, Klimaschutzexperte des SPD-Fraktion stellt gegenüber dem Tagesspiegel klar:. "Mit der SPD wird es kein Fracking mit wassergefährdenden Stoffen geben. Falls die Gaswirtschaft mit reinem Wasser fracken kann, aber nur dann, könnten wir das im Feldversuch überprüfen."

Das Umwelt- und Wirtschaftsministerium in Niedersachsen arbeiten derzeit an einem Erlass, der das Fracking-Verfahren – unter bestimmten Voraussetzungen – für herkömmliche Lagerstätten wieder gestattet. Schiefergas ist ausdrücklich ausgenommen.

Erschienen im Tagesspiegel