Es ist wohl kein Zufall, dass nur zwei Tage vor dem Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Athen die griechische Regierung ihren bisher größten Erfolg verkündet: Das Land will sich wieder Geld am freien Markt leihen. Und zwar nicht nur für einige wenige Monate. Sie will Kredite aufnehmen, die mehrere Jahre laufen und das zu relativ günstigen Konditionen. Erwartet wird, dass Griechenland für die Anleihen rund fünf Prozent Zinsen zahlen muss.

Vor nicht einmal zwei Jahren wollte kein privater Investor Griechenland für mehr als sechs Monate Geld leihen, das Land stand kurz vor dem Staatsbankrott. Nun scheinen sich die Anleger um die Papiere zu reißen. Hat die harte Spar- und Reformpolitik, die vor allem Angela Merkel durchgesetzt hat, funktioniert?

Genau dies dürfte die Kanzlerin am Freitag in Athen behaupten: Seht her, liebe Griechen, es war sehr schwer für euch, aber jetzt geht es aufwärts. Merkel will mit ihrem Besuch knapp einen Monat vor der Europawahl ein starkes Signal setzen, schließlich ist der politische Druck auf die Union besonders hoch.

Bernd Luckes halbe Wahrheit

Für den AfD-Politiker Bernd Lucke ist die Rückkehr des Landes an den Kapitalmarkt auch nichts weiter als eine "gefährliche Nebelkerze". Die Platzierung neuer Anleihen könne nur gelingen, weil die EU und die Europäische Zentralbank (EZB) "klar gemacht haben, dass sie im Zweifel einspringen und die Risiken der Investoren auf die Steuerzahler abwälzen werden", sagt Lucke. EZB-Präsident Mario Draghi hatte auf dem Höhepunkt der Krise verkündet, dass die Notenbank alles dafür tun würde, um den Euro zu erhalten.

Luckes Argumentation ist nicht falsch, sie beschreibt jedoch nur einen Teil der Wahrheit.  Richtig ist, dass die Investoren dem Land vor allem wieder Vertrauen schenken, weil mehr als die Hälfte der bestehenden Schulden in den Händen der EU, dem Internationalem Währungsfonds und der Europäischen Zentralbank liegen. Für Investoren gelten diese Schulden als praktisch abgeschrieben. Umso mehr, weil davon ausgegangen wird, dass die Laufzeit der Hilfskredite verlängert und die Zinsen weiter gesenkt werden könnten.

200.000 Beamte weniger

Der andere Teil der Wahrheit lautet jedoch: Griechenland hat einiges geleistet. Kein Land der Welt hat laut der Industrieländerorganisation OECD in so kurzer Zeit so viele Strukturreformen umgesetzt wie der kleine südeuropäische Staat. Sechs Sparpakete hat das Athener Parlament seit Beginn der Krise verabschiedet, mit schweren Einschnitten für die Bevölkerung: Renten und Beamtengehälter wurden gekürzt und die Medikamentenpreise erhöht.

Die Steuern wurden kräftig angehoben, der Mindestlohn gesenkt, das 13. und 14. Jahresgehalt in vielen Branchen abgeschafft, Staatsbetriebe privatisiert. Allein die Zahl der Beamten und öffentlichen Angestellten wurde von etwa 900.000 auf 700.000 reduziert – teilweise durch Entlassung, vor allem aber, weil kaum mehr neu eingestellt wurden.