Die Entscheidung über Keystone XL könnte eine der wichtigsten und lehrreichsten in der Präsidentschaft Barack Obamas werden. Die geplante Pipeline soll Öl aus Teersanden in Kanada quer durch die USA zu den Raffinerien am Golf von Mexiko leiten. Für die Förderung wird sehr viel Energie benötigt, deshalb ist es eines der CO2-intensivsten Öle der Welt. Für Umweltschützer ist Obamas Entscheidung über den Bau oder Nicht-Bau der Pipeline ein Lackmus-Test, wie ernst es der Präsident mit dem Klimaschutz meint. Obama selbst hat die Latte hochgelegt: Er werde dem Bau von Keystone XL nur zustimmen, wenn das Projekt "das Problem des CO2-Ausstoßes nicht signifikant verstärkt". 

Aber Obama fällt die Entscheidung schwer. Formal muss das Außenministerium die Entscheidung treffen, weil die Pipeline die Grenze zu Kanada kreuzt. Aber Mitte April teilte das Ministerium mit, dass die Entscheidung erneut vertagt wird, vielleicht sogar bis nach den Kongresswahlen im November.

Die Verzögerung ist ein Erfolg für die Klimaschützer in den USA. Sie zeigt, wie einflussreich sie inzwischen geworden sind. Zweifellos wäre Keystone XL schon lange genehmigt, wenn es nicht eine breite Allianz von Landwirten aus Nebraska, indigenen Völkern aus Kanada und Umweltschützern in den USA geben würde. Sie sind auf die Straßen gegangen, haben vor Gerichten geklagt, wurden verhaftet. Ihr Argument: Keystone XL bindet eines der weltweit größten CO2-Lager an den Weltmarkt an. Das würde alle Warnungen der Internationalen Energieagentur und des Weltklimarats IPCC ad absurdum führen: Mindestens zwei Drittel der bekannten fossilen Öl- und Gasvorkommen müssen demnach ungefördert bleiben, damit die Menschheit die schlimmsten Folgen des Klimawandels abwenden kann.

Aber es gibt noch andere Gründe, warum Obama zögert: Er ist mittlerweile der Präsident eines Petro-Staats. Und in einem Petro-Staat der Ölindustrie einen Wunsch abzuschlagen, ist niemals einfach.

Seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts arbeiten die Ölkonzerne Hand in Hand mit dem Weißen Haus und dem Außenministerium zusammen. Damals schaffte es Big Oil, dass die Regierung den Ölkonzernen den Zugang zu den riesigen Vorkommen im Mittleren Osten zusichert, die damals noch in der Hand der Briten und Niederländer waren. Als dann in den dreißiger Jahren die massiven Erdölreserven in Texas, Oklahoma und Kalifornien entdeckt wurden und die USA zur weltgrößten Ölnation aufstiegen, verstärkte sich der Einfluss noch einmal: Die Vorkommen verschafften Washington einen enormen außenpolitischen und militärischen Vorsprung. Im Unterschied zu anderen Staaten hatten die USA während des Zweiten Weltkriegs Zugang zu eigenen Ölvorkommen. 

Autos, Vorstädte, Highways

Die großen Ölquellen veränderten auch die US-Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Immer mehr Amerikaner konnten sich Autos leisten, zogen in die Vororte, fuhren auf neuen Interstates. All die Autos, Vorstädte und Straßen zu bauen, führte zu einem Wirtschaftsboom, der seinesgleichen sucht. Nicht nur die Ölkonzerne machten gute Gewinne, auch andere profitierten: Die Politiker, die Wahlkampfspenden bekamen, Gewerkschaften, deren Arbeiter sichere Jobs hatten. Landwirte schraubten mit Pestiziden auf Ölbasis ihre Erträge hoch, an jeder Ecke entstanden Tankstellen, Imbissketten und andere Drive-In-Stationen.