Dem Begriff kann man in diesen Tagen kaum entfliehen. Angeblich arbeiten Mitglieder des CDU-Vorstands an einem Modell, um die sogenannte kalte Progression abzubauen. Auch die SPD will sich bewegen. Sogar Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble gibt sich kompromissbereit: "Sobald im Haushalt Spielräume entstehen und es einen gemeinsamen Willen der Koalitionspartner gibt, das Thema kalte Progression anzugehen, bin ich der Letzte, der sich dem Vorhaben verschließt", sagt er.

Und Merkel? Bleibt wohl erst einmal stur: Sie sieht bislang keinen Spielraum für eine Entlastung. Wer da nicht mitkommt: Die Politik hat die schleichenden Steuererhöhungen auf die Agenda gesetzt. Der Fachbegriff  "kalte Progression" beschreibt den Fall, wenn der Arbeitnehmer mehr Lohn erhält, aber paradoxerweise dennoch an Kaufkraft verliert.  

Das ganze entsteht im Zusammenspiel von Lohnplus, Teuerung und steigenden Sätzen bei der Einkommensteuer. Passt der Staat Steuersätze nicht der Inflationsrate an, zahlen Bürger mehr an den Fiskus und haben real nicht mehr in der Tasche. Der Staat profitiert: Bis zu vier Milliarden Euro bringen die heimlichen Steuererhöhungen jährlich ein.

Die Debatte über die Abschaffung des Effektes (durch Anpassung des Tarifverlaufs) wird deshalb alle Jahre wieder geführt. Was dabei häufig nicht beachtet wird: Real haben die Deutschen zuletzt nicht mehr Steuern gezahlt. Das Gegenteil ist der Fall. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Last – gemessen an den wirklichen Preisen – sogar deutlich gesunken. Zwar scheint das Gefühl, man zahle immer mehr, weit verbreitet. Es deckt sich aber nicht mit der Realität.

Nach Berechnungen des Steuerexperten Alfred Boss vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel war die Durchschnittsbelastung 2012 real niedriger als 1958. Boss hat verschiedene Einkommensklassen zwischen 15.000 und 100.000 Euro durchgerechnet – für alle sank die Abgabe. Wer 1958 umgerechnet 30.000 Euro im Jahr verdiente, zahlte im Schnitt 21,8 Prozent Einkommenssteuer. Ein Einkommen mit der gleichen Kaufkraft wurde 54 Jahre später nur noch mit 18,8 Prozent belastet. Am meisten strich der Fiskus in den 1970er und 1980er Jahren ein. Für das 30.000-Euro-Salär schoss der durchschnittliche Satz zum Beispiel auf mehr als 25 Prozent hoch.

"In den vergangenen Jahren ist die Belastung in allen Fällen zurückgegangen", bestätigt die Finanzexpertin Katja Rietzler vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjukturforschung (IMK) die Tendenz. Seien es steigende Kinderfreibeträge, ein höherer Grundfreibetrag, die Absetzbarbarkeit von Kranken- und Pflegbeträge oder die massiven Steuerentlastungen von Rot-Grün: Immer wieder haben Regierungen die Belastung gesenkt. Dass der Staat in Einzelfällen stärker zulangt, ist aber auch möglich. So zahle zum Beispiel derjenige mehr, der in einer Ehe der Alleinverdiener ist und 150.000 Euro im Jahr nach Hause bringt. "Das ist aber die Ausnahme", sagt Rietzler.

Die Einschätzungen der Wissenschaftler sind kräftiger Gegenwind für jene Haushälter, die nun endlich gegen die kalte Progression zu Feld ziehen wollen. Das IMK warnt ganz offen davor, die schleichenden Steuererhöhungen überzubewerten. Die "kalte Progression" sei seit 1991 in fast allen Einkommensgruppen durch Reformen mehr als ausgeglichen worden, heißt es in einer Studie: "Es fällt schwer, auf dieser Basis einen unausweichlichen Handlungsbedarf zu erkennen."