Das ifo Institut aber erwartet auf Basis seines Modells, dass durch TTIP alleine in Deutschland unter bestimmten Bedingungen circa 181.000 neue Stellen entstehen können.

Wie umfassend wird die Liberalisierung sein?

Grundlage dieser Prognose ist, so nennt es das ifo Institut, ein Szenario der "tiefen" oder "umfassenden Liberalisierung". In diesem Szenario gehen die Forscher davon aus, dass durch TTIP nicht nur die Zölle im Handel zwischen der EU und den USA fast komplett abgeschafft, sondern auch die nicht-tarifären Handelshemmnisse in erheblichem Ausmaß abgebaut werden. Dem gegenüber steht das "Zollszenario", in dem lediglich von einer weitreichenden Zollsenkung ausgegangen wird.

Aufgrund dieser unterschiedlichen Annahmen kommen beide Szenarien zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Während das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland im Zollszenario nur um 0,2 Prozent stärker wächst als ohne das TTIP-Abkommen, erreicht das zusätzliche Wachstum im Falle einer umfassenden Liberalisierung sogar die eingangs genannten 4,7 Prozent.

Das Treffen von Annahmen ist jedoch gerade im Falle von TTIP eine zentrale Schwierigkeit, da wenig aus den Verhandlungen bekannt ist. Von daher sind es Annahmen unter erheblicher Unsicherheit, mit denen hier gearbeitet wird. Nach allem, was man bisher erfahren konnte, wird es weder eine vollständige Eliminierung aller Zölle noch eine umfassende Abschaffung der nicht-tarifären Handelshemmnisse geben.

Prognosen mit Schwächen, aber nicht ohne Wert

Fazit: Die Wirklichkeit ist so komplex, dass die Modelle sie kaum erfassen können.

Dennoch wäre es falsch, deshalb ganz auf Prognosen zu verzichten. Stattdessen müssen die Modelle kontinuierlich verbessert werden. Ihre Ergebnisse aber können der Politik schon heute als Entscheidungshilfe dienen – solange den Entscheidungsträgern bewusst ist, dass sie mit Schwächen behaftet sind und höchstens eine grobe Abschätzung der TTIP-Folgen erlauben. Wichtig dabei ist, die prognostizierten Zahlen kritisch zu hinterfragen und sich anzusehen, unter welchen Annahmen sie berechnet wurden.

Genau das passiert jedoch häufig nicht. In einer Gesellschaft, die in allen Bereichen nach Quantifizierung strebt, werden Zahlen häufig unreflektiert übernommen und kommuniziert. Im Falle von TTIP geschieht das ganz besonders – die Bandbreite an prognostizierten Ergebnissen erlaubt es sowohl Gegnern als auch Befürwortern des Freihandelsabkommens, sich die gerade passenden Zahlen auszusuchen und als definitiv zu präsentieren.

Besser wäre, die unterschiedlichen Prognosen – mit dem Bewusstsein um die Schwierigkeit ihrer Berechnung – als eine von vielen Grundlagen für die TTIP-Diskussion zu nutzen. Denn die gegenwärtige Reduktion auf Chlorhühnchen, Hormonfleisch und Investitionsschutz nützt niemandem. Zweifellos sind das wichtige Aspekte. Doch wer sich nur auf sie konzentriert, blendet die möglichen Chancen eines Abkommens für Deutschland völlig aus. Eine offenere, umfassendere und sachlichere Debatte zu TTIP ist deshalb dringend notwendig.