ZEIT ONLINE: Herr Wallraff, darf und sollte ein Journalist als Berater in einer Branche tätig sein, über die er gleichzeitig kritisch berichtet?

Günter Wallraff: Ihre Frage setzt voraus, dass ich in der Vergangenheit als Berater gearbeitet habe. Das ist aber ein Missverständnis meiner Arbeit.

ZEIT ONLINE: Der Spiegel berichtet in seiner aktuellen Ausgabe über ihre Kontakte mit der Fast-Food-Kette McDonald’s. Demnach sollen Sie unter anderem in einem Schulungsvideo mitgewirkt haben und auf PR-Veranstaltungen des Konzerns aufgetreten sein – gegen Honorare, die an Ihre Stiftung gezahlt wurden. Gleichzeitig haben Sie zuletzt den größten Konkurrenten von McDonald’s, Burger King, im Rahmen von Recherchen für den Privatsender RTL hart angegriffen. Sehen Sie denn da überhaupt keinen Interessenskonflikt?

Wallraff:  Bevor ich antworte, lassen Sie mich zwei grundsätzliche Dinge sagen. Erstens: Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich mich eher zerhacken lasse, als in einer Auseinandersetzung nicht dem Schwächeren beizustehen. Dass ich mich von einem Konzern wie McDonald’s vereinnahmen lassen könnte, ist absurd. Zweitens bin ich eben nicht nur Journalist. Meine Arbeit war immer eine Mischform.

ZEIT ONLINE: Sie sind nicht nur Journalist, sondern auch Aktivist?

Wallraff: Einerseits versuche ich mit meinen Rollenreportagen Missstände an die Öffentlichkeit zu bringen, wie etwa jetzt im Fall von Burger King. Anderseits versuche ich auch immer wieder Einzelnen zu helfen und Verbesserungen an Ort und Stelle zu erreichen. Diese Arbeit macht es notwendig, erst einmal mit allen Seiten zu reden, um sie zu Zugeständnissen und zur Wiedergutmachung zu drängen.

ZEIT ONLINE: Auch mit Unternehmen wie McDonald’s, die Sie zuvor in Ihren Reportagen bloßgestellt haben?

Wallraff: Gerade mit denen! Es hilft doch nichts, nur zu berichten. Sie müssen auch dafür sorgen, dass sich anschließend etwas ändert. Nehmen Sie meine Recherchen zu den miserablen Arbeitsbedingungen in der Paketbranche... 

ZEIT ONLINE: ...die wie eine Reihe weiterer Ihrer Reportagen zwischen 2007 und 2012 in der ZEIT und im ZEITmagazin veröffentlicht wurden.

Wallraff: Da kamen die Chefs von einzelnen Paketkonzernen zu mir und ich konnte sie mit den Missständen konfrontieren. Die Konzerne haben dann in Einzelfällen nachgegeben und außergerichtlich Entschädigungen an Subunternehmer gezahlt. Da ging es um Summen bis in den sechsstelligen Bereich.  Auch für einzelne Fahrer konnte ich bessere Arbeitsbedingungen durchsetzen. Das sind oft zähe Verhandlungen. Ich nehme mir dafür viel Zeit und mache das alles unentgeltlich. Den Chefs der Unternehmen sage ich dann: Bringt das in Ordnung, dann muss ich das auch nicht veröffentlichen. Das war und ist ein starkes Druckmittel.

ZEIT ONLINE: Gebietet es nicht der journalistische Ethos, diese Missstände immer öffentlich zu machen? 

Wallraff: Wenn es gravierend ist, muss man natürlich veröffentlichen. Aber mich erreichen täglich Zuschriften, gravierende Unrechtsfälle und Hilferufe. Das alles zu veröffentlichen, ist schlichtweg unmöglich. Außerdem: Wenn Sie nur skandalisieren und nicht versuchen, dem einzelnen Menschen zu helfen, ist das in meinen Augen nur Sensationsjournalismus.

ZEIT ONLINE: Das erklärt vielleicht Ihr Selbstverständnis, nicht aber die Zusammenarbeit mit McDonald’s, einem Ihrer einstmals größten Feinde. Warum haben Sie sich darauf eingelassen?

Wallraff: Im Jahr 2009 besuchte mich Herr Karl-Heinz Heuser...

ZEIT ONLINE: ...der Chef von Burson-Marsteller, der Agentur, die seit Jahrzehnten PR für McDonald’s macht.

Wallraff: Der Besuch war deshalb etwas Besonderes, weil sich McDonald’s nach meinen Recherchen in den achtziger Jahren lange Zeit gar nicht bewegt hatte.

ZEIT ONLINE: Damals hatten Sie als Türke "Ali" verkleidet über die katastrophalen hygienischen Zustände in McDonald’s-Filialen berichtet. Das Image des Konzerns war nachhaltig beschädigt.

Wallraff: Ja, aber als Heuser zu mir nach Köln kam, hatte sich etwas getan. Die Mitarbeiter wurden seit 2007 nach Tarifvertrag bezahlt und die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten durfte in den Filialen Mitgliederwerbung betreiben. Insgesamt hatte man die feindliche Haltung gegenüber den Gewerkschaften aufgegeben. McDonald’s bekundete, dass sich das Unternehmen seinen größten Kritikern stellen wolle, rund 25 Jahre nach dem Erscheinen von ganz unten.

ZEIT ONLINE: Sie haben dann auch auf zwei PR-Veranstaltungen von Burson-Marsteller gesprochen.