Eigentlich hatte Ilse Aigner in ihrem Terminkalender für Anfang Juli "Moskau" eingetragen. Mit einer hochrangigen Unternehmerdelegation wollte die bayerische CSU-Wirtschaftsministerin für fünf Tage in die russische Hauptstadt und nach Nishni Nowgorod fliegen. 13 Milliarden Euro schwer ist das jährliche Handelsvolumen der bayerischen Wirtschaft mit Russland, und an der Wolga in Nishni Nowgorod haben große russische U-Boot-, Panzer- und Flugzeugwerke ihren Sitz. Seit Jahren fliegen Münchens Top-Politiker regelmäßig mit Unternehmern gen Osten, um dort für die heimische Wirtschaft Märkte zu sichern und neue zu erschließen.

Vor ein paar Tagen hat Aigner die Reise gestrichen.

Ersatzlos. Mindestens zwei dutzend Wirtschaftsvertreter müssten mitfliegen, rechtfertigt ihr Umfeld, damit sich so eine Reise auch lohnt. Bislang war das auch kein Problem. Nun aber, in Krisenzeiten: Bis Mitte April hatten sich noch nicht mal zehn Unternehmen gemeldet.

Als "Putin-Freund" beschimpft

War das Interesse so mau aus Furcht, wie unlängst Siemens-Chef Joe Kaeser, in der deutschen Öffentlichkeit als "Putin- Freund" beschimpft zu werden? Oder aus Unsicherheit darüber, was aus den mühsam angebahnten Geschäften wird, wenn die Ukraine-Krise sich erst richtig zuspitzt? Deutlich macht die geplatzte Aigner-Reise auf jeden Fall eines: In den Führungsetagen der deutschen Wirtschaft geht die Angst um, zwischen den Mühlsteinen der Weltpolitik zermahlen zu werden.

Waren und Dienstleistungen im Wert von 76 Milliarden Euro tauschten Deutsche und Russen im vergangenen Jahr aus. Grundstoffe, Lebensmittel, Hightech-Produkte – es gibt beinahe nichts, was nicht regelmäßig per Container seinen Weg nach Osten findet. Wenn es nicht überhaupt schon längst am Ural produziert wird.

Als der Russland-Beauftragte des Auswärtigen Amtes, Gernot Erler (SPD), unlängst in Moskau die deutsch-russische Außenhandelskammer besuchte, drängten sich ihm einige hundert deutsche Manager und Unternehmer entgegen. Die meisten leben in Russland, alle haben Geld in Anlagen und Fabriken investiert. Erler hatte ihre Angst mit Händen greifen können. "Sanktionsstufe III" – so lautet das Horrorwort der Investoren. Und damit die Frage: Wann wird sich die Krise zwischen Präsident Wladimir Putin und dem Westen so hochgeschaukelt haben, dass sich US-Amerikaner und Europäer auch auf harte Wirtschaftsbeschränkungen gegen Russland verständigen?

Berichte von für diesen Fall vorbereiteten Enteignungen westlicher Besitztümer in russischen Medien ließen die Telefondrähte vor ein paar Tagen in der Botschaft und den Kammern tagelang heißlaufen. Und der dramatische Verfall des Rubels reißt täglich gewaltige Löcher in die Handelsbilanzen. Börsengänge werden verschoben, Handelsgeschäfte auf Eis gelegt. Es ist, beschreibt ein Kammervertreter die Stimmung, "als bereiten wir uns auf den nächsten Kalten Krieg vor".

Beinahe unbedeutend wirkt im Angesicht solch bedrohlicher Szenarien die Frage, die sich weiter südlich, in Kiew, deutsche Investoren stellen: Wie sollen Fertigung und Handel funktionieren, wenn die Ukraine noch mehr destabilisiert wird und nach der Krim-Abspaltung weiter auseinanderfällt? Es mag manchem wie eine Petitesse vorkommen, aber den Verkäuferinnen eines ukrainischen Metro-Marktes wurde ganz mulmig, als unlängst prorussische Demonstranten vor ihren Türen aufmarschierten und verlangten, die ukrainische Fahne vom Dach des Gebäudes zu nehmen. So hautnah hängen Politik und Wirtschaft manchmal zusammen.

In Berlin heißt das oberste Gebot: Kommunikation. Und zwar sowohl zwischen der Regierung und der Wirtschaft als auch zwischen Deutschen und Russen. Es geht um den Austausch der aktuellen und der langfristigen Lageeinschätzung. Oder manchmal auch nur darum, sich gegenseitig des Vertrauens zu versichern.