Ein hartes Ergebnis für die Schweizer Gewerkschaften: Nur 23 Prozent der Stimmberechtigten unterstützten ihr Volksbegehren, das die Einführung eines Mindestlohns verlangt. Das sind nochmals fünf Prozent weniger, als die ohnehin schon schlechten Umfragen vorausgesagt hatten. Und nach der Ablehnung der sogenannten 1:12-Initiative, die eine Deckelung der Managergehälter forderte, ist es bereits die zweite Niederlage der Linken innerhalb von neun Monaten.

Aber wieso wollen die Schweizer, im Gegensatz zu fast allen anderen Industriestaaten, darunter auch Deutschland, nichts von einem landesweiten Mindestlohn wissen? Da ist zum einen die Höhe des Mindestlohn: 4.000 Franken pro Monat oder 22 Franken in der Stunde. Das ist vielen Schweizern offenbar zu hoch. Und das, obwohl man damit in Zürich oder Genf keinesfalls ein fürstliches Leben führen könnte. Zum anderen verallgemeinerte die Initiative die Situation im ganzen Land: Sie wollte einen Mindestlohn für alle, doch das Leben in den Randregionen ist ungleich billiger als in den Städten.

Viel entscheidenender ist aber: Der Schweizer Wirtschaft gelang es, das Vertrauen der Bevölkerung zurückzugewinnen. Nach den Turbulenzen der Finanzkrise, dem Fast-Crash der UBS und der verlorenen Abzocker-Initiative gerieten die Spitzen der Wirtschaftsverbände ins Trudeln. Man glaubte ihnen nicht mehr. Die Schweizer Wirtschaft steckte in einer Systemkrise.

Mehr Politik, weniger Sozialpartnerschaft

Die Gewerkschaften wussten die Situation für sich zu nutzen. Zwar leiden sie seit Jahren unter einem Mitgliederschwund, aber in sozialen Fragen agieren sie geschickt. Ihre Taktik war klar: mehr Politik, weniger Sozialpartnerschaft. Dinge sollten nicht mehr in den Hinterzimmern zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern ausgehandelt und entschieden werden, sondern in der politischen Arena.

Das ging einige Jahre gut. Mit dem Druck der Straße – in der Schweiz sind das nicht Streiks und Demonstrationen, sondern angekündigte Volksbegehren und Referendumsdrohungen – machten sie das Land arbeitnehmerfreundlicher.

Bereits vor der heutigen Abstimmung stiegen in eingen Branchen die Löhne. Der Bäckerverband hat die im Gesamtarbeitsvertrag vereinbarten Mindestlöhne angehoben. Bei den Discountern Aldi und Lidl verdient bald niemand mehr weniger als 4.000 Franken. Ebenso beim Schuhverkäufer Bata oder beim Moderiesen H&M. Seit letztem Sommer gelten zudem in der Metall-, Elektro- und Maschinenindustrie erstmals regional unterschiedliche Mindestlöhne. Corrado Pardini, SP-Nationalrat und Geschäftsleitungsmitglied der Gewerkschaft Unia, sagte der Zeit vor einigen Tagen: "Keine sozialpolitische Vorlage war im Vorfeld so erfolgreich wie diese Initiative – die Vorleistungen sind gewaltig".

Doch die deutliche Niederlage von diesem Wochenende markiert das Ende der perfekten Erfolgswelle, auf der die Gewerkschaften surften. Zu deutlich ist das Verdikt. Die Schweizer wollen wieder mehr Sozialpartnerschaft und weniger Politik. Und schon gar keinen Staat, der den Unternehmen die Löhne diktiert.