Am 2. Mai wagte der republikanische Abgeordnete Rand Paul aus Kentucky noch einmal einen zögerlichen Versuch. "Auf jeden Einwohner von Kentucky, der jetzt bei Obamacare ist, kommen 40, die ihren Versicherungsschutz deswegen verloren haben", polterte der Konservative in seinem wöchentlichen Newsletter. Er bat seine Leser, ihm ihre Horrorstorys zu Obamacare zu schicken – etwa die einer Mutter, deren Prämie sich von einem zum anderen Monat fast verdoppelt habe. Die Washington Post griff die Geschichten anschließend genüsslich auf – und widerlegte die Behauptungen mit einfachen mathematischen Beispielen.

Den Republikanern scheint die Munition auszugehen. Seit Wochen gibt es auf dem Kapitolhügel keine Abstimmungen oder Anhörungen mehr zum Thema. "Die Stille, dass die Konservativen Schwierigkeiten haben, ihre Botschaft anzupassen, jetzt, da die Zahl der Versicherungen die Erwartungen übertrifft und die Quote der Unversicherten sinkt", schrieb das Hauptstadt-Blog The Hill vor wenigen Tagen.

Mit erheblichen Schwierigkeiten war der Affordable Care Act im vergangenen Jahr gestartet. Obama versprach, seine Reform verschaffe mehr Amerikanern Zugang zu bezahlbarem Krankenversicherungsschutz und verhelfe auch jenen zu einer Versicherung, die in der Vergangenheit wegen kostspieliger Vorerkrankungen abgelehnt wurden. Doch immer wieder wurde der Start nach hinten verschoben; erst, weil einzelne Passagen in letzter Minute umgeschrieben wurden, dann, weil die Webseite, auf der die Amerikaner ihre Policen aussuchen sollten, nicht funktionierte. Für die Konservativen im Land stand schnell fest: Obamas wichtigstes politisches Unterfangen ist zugleich seine größte Niederlage.

Erwartungen übertroffen

Seitdem hat sich viel getan. Acht Millionen Amerikaner haben sich bis zum Stichtag am 15. April über die offizielle Webseite HealthCare.gov versichert – das übertraf sogar die selbst gesteckten Ziele des Weißen Hauses. Das Gallup-Institut rechnete vor, dass die Zahl der Unversicherten seit dem Start von rund 18 auf 13,4 Prozent gefallen ist. Die Schätzungen darüber, wie viele Amerikaner tatsächlich seit dem Start mehr versichert sind als zuvor, reichen von 5,4 bis 9,3 Millionen. Das parteiunabhängige Congressional Budget Office rechnet damit, dass bis Jahresende dank Obamacare rund zwölf Millionen Menschen mehr über einen Versicherungsschutz verfügen als vorher. Bis 2022 sollen es 26 Millionen sein. "Der Affordable Care Act hat nach einem holprigen Start eine spektakuläre Wende hingelegt", schrieb angesichts dieser Zahlen vor wenigen Tagen der Nobelpreisträger Paul Krugman in der New York Times.

Auch seine sonstigen Versprechen scheint Obamacare bislang einzuhalten. Rund drei Millionen Amerikaner mehr waren im Februar im Rahmen des Medicaid-Programms versichert als noch im Oktober. Das staatliche Programm verspricht jenen einen Basis-Schutz, die unter die Armutsgrenze fallen – und wurde im Rahmen der Reform deutlich ausgeweitet. Und mehr als drei Millionen Amerikaner unter 26 sind dank Obamacare nun über ihre Eltern mitversichert. Selbst die Kosten des Gesetzes könnten laut dem Congressional Budget Office um rund 100 Milliarden Dollar niedriger liegen als erwartet – und die Reform das Defizit in den kommenden zehn Jahren sogar deutlich senken.

Ob das Ganze ein Erfolg oder Misserfolg ist, hängt davon ab, wen man fragt. Zustimmung und Ablehnung verlaufen streng entlang der Parteilinien. Die Konservativen im Land kritisieren das Eingreifen des Staates in ihre Privatsphäre, in Umfragen schneidet Obamacare regelmäßig schlechter ab als der Affordable Care Act – obwohl beides Synonyme sind.