Mark, auch mir macht der Aufstieg der Populisten Sorgen. Aber so einfach, wie du es dir machst, ist es nicht. Die Erfolge der Euroskeptiker sind nicht allein auf die Krise zurückzuführen. Spanien, das Land mit der zweithöchsten Arbeitslosenquote in der Währungsunion, hat bei der Europawahl die politische Mitte gestärkt. Italien hat mit Matteo Renzi einen Reformer gewählt. Dagegen haben die Rechtspopulisten in Dänemark regelrecht abgeräumt – in einem Land also, in dem die Arbeitslosenquote bei nur 6,5 Prozent liegt. Mehr Krise gleich mehr Populismus – diese Formel ist zu glatt, um daraus Politik zu machen.

Es ist zudem wichtig, die Errungenschaften nicht aus dem Auge zu verlieren. In den vergangenen Jahren hat die EU die wirtschaftlich schlimmste Zeit ihrer Geschichte durchgemacht. Millionen junger Europäer haben ihren Job verloren, Tausende Unternehmen rutschten in die Pleite. Die Staaten im Süden haben darauf mit Lohneinschnitten, Reformen und einem harten Sparkurs reagiert, der Norden hat mit Krediten geholfen und die Europäische Zentralbank mit billigem Geld. Und all das geschah in weniger als vier Jahren. 

Man kann nun wie Du beklagen, dass das immer noch zu langsam ist. Man könnte aber angesichts der Dimension der Probleme auch sagen, dass Europa erstaunlich schnell vorankommt. Klar ist jedenfalls nur, dass überall dort, wo Reformen angepackt wurden, im Moment die Arbeitslosigkeit sinkt und das Wachstum zurückkommt: in Spanien, in Irland, sogar in Griechenland. 

Ausgerechnet in dem Moment also, da die neue Politik Wirkung zeigt, willst du das alte Experiment wiederholen und mit billigen Schulden das Wachstum beschleunigen?

Die Zinsen werden wieder steigen

Es stimmt ja, mehr Investitionen im Süden wären hilfreich. Aber du verschweigst die langfristigen Kosten deiner Idee. Die Staaten können im Moment zwar wieder billiger Schulden machen. Aber das liegt vor allem an den niedrigen Zinsen. Es wird der Tag kommen, an dem die Zentralbank den Zins anheben wird. Dann werden die alten Fragen wieder gestellt: Wie solide sind die Staatsfinanzen von Spanien, Portugal oder Griechenland? Besteht eine Chance, dass die Schulden je zurückgezahlt werden? Wenn das nicht der Fall ist, ist die Schuldenkrise wieder da, und alles beginnt von vorne. 

Um es auf den Punkt zu bringen: Du sagst, das Schuldenproblem ist nicht mehr so groß. Ich sage, es ist nur verdeckt und wird zurückkehren.

Natürlich gibt es in dieser Krise zu viele Verlierer. Wo dies möglich ist, sollte der Staat sie unterstützen. Langfristig aber ist ihnen am ehesten geholfen, wenn Jobs entstehen, die bleiben und nicht verschwinden, nachdem das Nachfragefeuer erloschen ist. Das ist auch die Botschaft der italienischen Wähler: Viele Bürger dort mögen den Sparkurs satt haben. Aber dass die Wirtschaft sich grundlegend wandeln muss, ist mittlerweile angekommen. Dies ist auch der Grund, warum jetzt in Rom ein Reformer politischen Kredit bekommt – und die Populisten überraschend abdanken müssen.

Dein Neuanfang für Europa ist deshalb eher das: eine Anleitung für eine schnelle Rückkehr der Krise. Der wirkliche Neuanfang ist gemacht. Geben wir ihm etwas Zeit. Dein Philip Faigle

Lesen Sie hier den Text von Mark Schieritz.