Philip, so kann es nicht weitergehen. In Spanien ist die Arbeitslosigkeit höher als in Deutschland zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise, Griechenland hat in den vergangenen Jahren rund ein Viertel seiner Wirtschaftsleistung verloren, und in Frankreich haben die Rechtspopulisten bei der Europawahl am meisten Stimmen geholt. Europa braucht einen Neuanfang.

Keine Frage, die bisherige Krisenpolitik hat Erfolge vorzuweisen. Es ist gelungen, die große Katastrophe an den Finanzmärkten zu verhindern. Niemand rechnet mehr mit einem Auseinanderfallen der Währungsunion, die Investoren haben sich beruhigt, und die Krisenstaaten sind mit Ausnahme von Griechenland und Zypern nicht mehr auf die Unterstützung durch die EU angewiesen.  

Aber das war es dann auch schon. Für die Menschen in den betroffenen Ländern ist die Krise alles andere als vorbei. Sie leiden nach wie vor darunter, dass es nicht genug Jobs gibt. Das läge daran, dass diese Länder sich nicht entschlossen genug reformieren, sagst Du. Aber das stimmt nicht. Die Industrieländerorganisation OECD hat sich jüngst angeschaut, welche Länder besonders viele Reformen umsetzen. Ergebnis: Griechenland, Irland, Portugal und Spanien gehören zur Spitzengruppe. 

Das Problem ist: Es dauert, bis solche Reformen Wirkung zeigen. Das sagt die Theorie, und das lehrt die Erfahrung. Wir haben aber keine Zeit mehr. Wenn es nicht bald spürbar und nachhaltig aufwärts geht, dann werden die radikalen Parteien noch mehr Zulauf bekommen.

Eines ist auch klar: Es ist nicht damit getan, dass die Europäische Zentralbank noch mehr Geld in den Markt pumpt. Den meisten Unternehmen mangelt es nicht an Geld. Sie investieren nicht, weil die Geschäfte so schlecht laufen, dass nicht einmal die vorhandenen Kapazitäten richtig ausgelastet werden können. Warum sollte ein Unternehmer in einer solchen Lage eine Maschine anschaffen oder einen Arbeitnehmer einstellen?

Wir brauchen mehr Nachfrage

Deshalb muss endlich die Nachfrage in Gang gebracht werden – und anders als vor einem Jahr kann das jetzt auch funktionieren. Die Krisenstaaten haben das Vertrauen der Investoren zurückgewonnen, sie können sich das nötige Geld inzwischen wieder selbst borgen. Auch wir in Deutschland können mehr tun: Es ist ein Skandal, dass hierzulande Straßen und Brücken verrotten, während der Staat sich fast zum Nulltarif Geld leihen kann. Doch es geschieht nichts, weil Angela Merkel Europa einen Fiskalpakt aufgezwungen hat, der die Staaten zum Sparen zwingt. 

Wir müssen endlich begreifen, dass mehr Staatsschulden in der jetzigen wirtschaftlichen Lage die Lösung sind und nicht das Problem. Die privaten Haushalte und die Unternehmen können oder wollen keine Kredite mehr aufnehmen. Deshalb muss der Staat einspringen. Sonst werden wir diese Krise nicht überwinden – ohne Schulden gibt es kein Wachstum.

Mein Vorschlag hätte übrigens einen angenehmen Nebeneffekt: Wenn die Regierungen sich stärker im Kampf gegen die Krise engagieren, muss die Europäische Zentralbank weniger tun. Und du wirst mir sicher zustimmen: Es ist besser, Brücken und Straßen zu renovieren, als die Banken mit noch mehr billigem Geld vollzupumpen. Dein Mark Schieritz

Lesen Sie hier die Antwort von Philip Faigle.