Der Plan ist simpel und bestechend: Die USA verflüssigen ihr Erdgas, das sie gerade im großen Stil per Fracking fördern, schicken es in Spezialtankern über den Atlantik und helfen Europa, unabhängiger von Russland zu werden. Zuletzt am Mittwoch wiederholte US-Präsident Barack Obama während seines Besuchs in Warschau diese Idee. Die USA würden ihre Flüssiggasexporte erhöhen und davon werde Europa profitieren, versprach er dem polnischen Premier Donald Tusk. In Swinemünde, gleich an der deutsch-polnischen Grenze, baut Polen aktuell seinen ersten LNG-Hafen. 

Obama ist nicht allein: Auch der kanadische Premier Stephen Harper versucht bereits, sein Flüssiggas (Liquified Natural Gas=LNG) in Europa zu platzieren.

Seit Jahren wird in Brüssel diskutiert, wie Europa seine Abhängigkeit von Russland reduziert. Wegen der Ukraine-Krise hat die Energiesicherheit nun wieder höchste Priorität. Das Thema Energie wird auch die Agenda des G-7-Gipfels in Brüssel bestimmen, der am Mittwochabend beginnt. Die Bundesregierung erwäge, eine Energieinitiative innerhalb der G 7 zu initiieren, angeführt von der Internationalen Energieagentur (IEA), heißt es in Berlin. Russland ist nicht Mitglied der IEA.

Der G-7-Vorstoß könnte die Anstrengungen Europas ergänzen, sich vom russischen Gas zu emanzipieren. Vergangene Woche hatte bereits Energiekommissar Günther Oettinger einen Plan zur Stärkung der Versorgungssicherheit präsentiert. Europa solle seine Gasvorräte aufstocken und die Gasflüsse umkehren: Statt aus Russland würden dann gerade die besonders abhängigen osteuropäischen Staaten mit Gas aus dem Westen versorgt. Eine Milliarde Euro gibt die EU jeden Tag für den Import von Gas, Öl  und anderen Energierohstoffen wie Uran aus. Die Abhängigkeit von russischem Gas ist besonders hoch, vor allem in Osteuropa. Auch der verstärkte Import von Flüssiggas sei eine Möglichkeit, so Oettinger.

Die Angebote aus den USA und Kanada kommen also wie gerufen. Der Energieinformationsdienst der US-Regierung rechnet damit, dass die USA ab 2016 ein Netto-Erdgasexporteur sein könnten. 

Infrastruktur für LNG fehlt

Aber sind die Angebote von der anderen Seite des Atlantiks realistisch? Klar ist, dass es sich um mittelfristige, wenn nicht sogar langfristige Alternativen handelt, schließlich muss auf beiden Seiten erst einmal die entsprechende Infrastruktur aufgebaut werden. Um die Spezialtanker mit dem auf minus 160 Grad verflüssigten Gas zu löschen, braucht es teure Anlagen, die das Flüssiggas wieder in einen gasförmigen Zustand bringen. Zwar gibt es in Europa bereits 21 LNG-Terminals und weitere sieben sind im Bau.  

Doch das Problem ist der Weitertransport an Land: Es fehle an länderübergreifenden Pipelines, um das Gas von West nach Ost zu transportieren, schreibt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer aktuellen Studie. Und auch auf US-Seite gibt es Engpässe. Die USA haben in den vergangenen Jahren vor allem auf den Import von Erdgas gesetzt. Erst der Fracking-Boom sorgt jetzt für die Trendwende. Daher besitzen sie kaum Export-Terminals. Gerade einmal eines ist am Golf von Mexiko im Bau, 14 weitere sind geplant.