Das Bild von den beiden Zügen, die ungebremst aufeinander zu rasen, wird in diesen Tagen oft gebraucht in Barcelona. Vor allem ausländische Unternehmer und Investoren sind beunruhigt von der offenbar unausweichlichen Konfrontation, auf die die Zentralregierung in Madrid und die nach Unabhängigkeit strebende Region Katalonien zusteuern.

Auf den ersten Blick ist in der Hafenstadt fast alles wie in jedem Sommer. Geschäftsleute und Beamte eilen trotz der schwülen Hitze in korrekten Anzügen und Kostümen von Termin zu Termin, während Touristen die Straßen und Strände in leichter Sommer- und Badebekleidung bevölkern. Auf den zweiten Blick fällt auf, dass Werbetafeln anders als noch vor einigen Jahren praktisch komplett in der Regionalsprache Katalan verfasst sind. Die Landessprache Spanisch ist kaum zu hören, es sei denn, ein Ausländer fragt nach einer Information. Wer tiefer nach den Ursachen gräbt, stößt auf eine Website namens Cataloniavotes. Auf ihr läuft ein Countdown bis zum Tag des geplanten Unabhängigkeitsvotums am 9. November. Vom heutigen Montag an gerechnet, sind es noch 145 Tage.

"Man steuert auf eine Eskalation zu", sagt Andrés Gómez, Präsident des Kreises deutschsprachiger Führungskräfte (kdf). Sein Krisenszenario, das er während eines Treffens in der Club Lounge eines Hotels schildert: Das spanische Verfassungsgericht wird das Votum untersagen, Regionalpräsident Artur Mas unmittelbar darauf ersatzweise Neuwahlen anberaumen. Dabei werden die nationalistischen Parteien mehr als 50 Prozent der Stimmen erhalten und unilateral einen eigenen Staat ausrufen.

Der kdf, dessen Statuten politische Einmischung verbieten, hat sich gemessen daran klar positioniert: "Wir Unternehmer sind für einen Markt von 40 Millionen Spaniern nach Katalonien gekommen und nicht nur für sieben Millionen Katalanen", sagt Gómez. Die Region war über Jahrzehnte erste Wahl für Firmenansiedlungen in Spanien. Von den mehr als 5.000 ausländischen Niederlassungen haben mehr als 900 einen deutschen Mutterkonzern. Lebensqualität, eine attraktive Infrastruktur, Innovationskraft und gut ausgebildete Fachkräfte entschädigten in den vergangenen Jahren auch dafür, dass Werbung und Produktbeschreibungen plötzlich ins Katalanische übersetzt werden und mit den Behörden auf Katalanisch kommuniziert werden musste.

Droht ein EU-Ausschluss?

Die Verunsicherung lässt sich noch nicht an einem Rückgang der Investitionen messen. Aus Furcht vor dem, was noch kommen mag, haben sich zahlreiche Kritiker der Sezessionsbestrebungen noch weiter aus der Deckung gewagt als der kdf. Rund 400 Unterschriften zählt nach Angaben der überwiegend deutschen Initiatoren inzwischen die sogenannte "Erklärung von Barcelona". In ihr wird eindringlich vor den "verheerenden Folgen" einer Loslösung gewarnt: "Wenn Katalonien sich von Spanien trennt, gehört es nicht mehr zur EU. Wenn Katalonien nicht mehr in der EU ist, ist es zweifelhaft, dass der Euro die offizielle Währung bleibt. Es gibt keine Finanzierung durch die Europäische Zentralbank mehr, auch keinen freien Verkehr der Arbeiter, Waren, Dienstleistungen und des Kapitals."

Zu den Unterzeichnern gehören unter anderem der ehemalige Generaldirektor von Thyssen Krupp Materials in Spanien, Gerhard Esser, und der Spanien-Chef von BASF, Erwin Rauhe. Nach heftigen Protesten entschuldigte sich die BASF-Zentrale allerdings öffentlich für die Positionierung ihres Spanien-Chefs.

Nationalistische Politiker und auf ihrer Seite stehende einheimische Unternehmer halten das Argument mit dem EU-Ausschluss selbstbewusst für eine reine Drohkulisse. "Voraussetzung für einen Ausschluss wäre, dass alle derzeitigen 28 Mitgliedsstaaten Katalonien als unabhängigen Staat anerkennen", sagt "Außenminister" Roger Albinyana süffisant. Wohl wissend, dass Spanien damit ein Problem hätte. "Die EU-Kommission sagt offiziell nur, was Spanien hören will. In privaten Gesprächen sind viele in Brüssel jedoch der Meinung, dass verhandelt werden müsse, und sie sich eine EU ohne Katalonien nicht vorstellen können." Viele Katalanen, ist Fernando Rodés Vilà, Vize der Kommunikationsagentur Havas, überzeugt, hätten sich erst aufgrund der Drohungen radikalisiert. Umfragen zufolge wollen heute 70 bis 80 Prozent, dass ein Referendum stattfindet – egal, wie es ausgeht. Derzeit wäre eine knappe Mehrheit für die Unabhängigkeit.