An diesem Nachmittag fällt im Berliner Wirtschaftsministerium ein Satz, bei dem Iris Gleicke die Auswahl ihrer Gäste bereut haben dürfte. Die Ostbeauftragte der Bundesregierung hat die Hauptstadtpresse eingeladen, um die Erfolge beim Aufbau einer Industrie zwischen Ostsee und Erzgebirge vorzustellen. Es geht um "immense Herausforderungen" und ein "gemischtes Bild". Deutlicher will sich Gleicke über den mühsamen, aber letztlich wichtigen und richtigen Aufbau im Osten nicht äußern. Stattdessen hat die SPD-Politikerin Wissenschaftler aus Rostock beauftragt, einen "Atlas der Industrialisierung" zu erstellen.

Doch der Studienautor Gerald Braun schert sich nicht um die Befindlichkeiten seiner Gastgeberin, deren Hauptaufgabe als Ost-Beauftragte darin liegt, Geld aus dem Westen für den Osten zu mobilisieren. "80 Prozent der Förderpolitik können Sie in der Pfeife rauchen", sagt der geladene Wirtschaftsprofessor aus Rostock. Gleicke kann dem nur ein "Das teile ich nicht!" entgegen, worauf der Professor schnell kontert: "Das dürfen Sie auch nicht."

Die kleine Auseinandersetzung wirft ein Schlaglicht auf eine Grundsatzfrage, die Deutschland auch mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall umtreibt. Was tun mit einer Industrielandschaft, die diesen Namen in weiten Teilen kaum mehr verdient? Denn Industrie, das ist irgendwo, aber nicht in der Uckermark und den Weiten Mecklenburgs. Die Förderfraktion, zu der Gleicke gehört, räumt Fehler ein und will die Geldvergabe nach dem Gießkannenprinzip beenden. "Wir können den Aufbau Ost nicht mehr an der Zahl der Autobahn-Ausfahrten messen", sagt die Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium selbstkritisch. Prinzipiell sollen aber weiter Gelder fließen.

© BMWI/Atlas der Atlas der Industrialisierung

Doch die Bilanz der schätzungsweise fast zwei Billionen Euro an Brutto-Transfers ist überschaubar. Die Wirtschaftsleistung verharrt nach Einschätzung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft bei nur zwei Dritteln der Westleistung. "Der ostdeutsche Aufholprozess hat sich nach Abschluss der großen Investitionswelle in den 1990er Jahren stark verlangsamt, obwohl weiterhin viel Geld gen Osten fließt", schrieben die Wissenschaftler jüngst.

Die Zentralen der börsennotierten Unternehmen mit ihren Forschungs- und Entwicklungsabteilungen liegen fast ausnahmslos im Westen und Süden der Republik. Zudem ist die Arbeitsproduktivität im Osten noch immer geringer, auch wenn der Abstand verkleinert wurde.

© BMWI/Atlas der Atlas der Industrialisierung

Die Fördermilliarden sind seit Langem umstritten. Deshalb bringen Wissenschaftler wie Braun jetzt eine neue, überraschende Variante ins Spiel. Der Osten soll sein üppiges (und im Westen wenig bekanntes) industrielles Erbe stärker nutzen. Das von Generationen aufgebaute Wissen und die technischen Fähigkeiten müsse nur aus dem Dornröschenschlaf erweckt werden. "Das Potenzial ist immer noch da", ist sich Braun sicher, der 1991 in den Osten übersiedelte und heute in Rostock am Hanseatischen Institut für Unternehmertum und Regionalentwicklung forscht. Im Blick hat Braun Städte wie Chemnitz, wo 1820 die erste Kammgarnmaschine gebaut wurde. Die Stadt am Erzgebirge gilt als eines der Zentren der europäischen Industrialisierung und war als "Manchester on Continent" bekannt. In Thüringen und Sachsen war die Chemie- und Elektrotechnik bis in den Zweiten Weltkrieg hinein in Europa führend. "Das Pro-Kopf-Einkommen in den Ländern lag ein Fünftel über dem westdeutschen Niveau", berichtet Braun.

Die Wirtschaftswissenschaft spricht in diesem Zusammengang von "stillem Wissen". Es kann über Generationen weitergegeben werden und so auch Jahrzehnte unter einer SED-Diktatur überleben. "Die Geschichte von Regionen zählt", sagt Braun, der sich sicher ist, dass Wissen und Kompetenzen in Regionen "eingebettet" sind. Der beste Lehrer, folgt daraus, ist die Stadt und das Dorf, die Eltern und Großeltern mit denen man aufwächst. Kinder an der Ostsee wüssten beispielsweise alle, mit welchem Köder man Dorsche fängt und welche Technik am besten funktioniere, um sie zu räuchern, sagt Braun.

Braun will deshalb die Förderpolitik umbauen. Vor allem in Sachsen und Thüringen, wo das Wissen der Alten vorhanden ist, hätten sich heute wieder lebensfähige und weltmarktorientierte Wachstumszentren entwickelt. Diese müssten gezielt gefördert werden. Auch Gleicke, darin sind sich beide einig, will die künftige Förderpolitik stärker an den "Wachstumszentren" ausrichten. So müssten Firmen leichter Kapital bekommen, die wenige Jahre alt sind und den nächsten Wachstumsschritt jetzt vor sich hätten. Dazu liefen Gespräche mit der staatlichen Förderbank KfW und zudem mit der Frankfurter Börse, die etwa ein eigenes Segment einführen könnte.