Der Countdown läuft: Noch genau zehn Tage ist Dov Charney Chef der amerikanischen Modekette American Apparel, dann muss er seinen Platz räumen. Vor zwei Wochen hatte der Vorstand den 45-Jährigen suspendiert. "Das macht uns keinen Spaß, aber es ist die richtige Entscheidung", teilte Vorstand Allan Mayer nach dem überraschenden Rausschmiss im abgeklärten Tonfall mit

Es soll ein Befreiungsschlag für American Apparel sein, das einstige Vorzeigeunternehmen. Die Kette, im Jahr 2003 von Charney gegründet, warb damit, dass ihre Mode nachhaltig und fair produziert sei. Keine asiatischen Sweatshops, stattdessen ausschließlich Produktion in den USA zu gerechten Löhnen, politisch korrekt. Zu American Apparel gehören Werbekampagnen mit viel Sex-Appeal, Neonfarben und schräge Schnitte.

Doch seit Jahren schon versinkt American Apparel in einem Sumpf aus Bestechungs- und Sexskandalen. Die jüngsten Vorwürfe betreffen Firmenchef Charney selbst. Während eines Interviews soll der gebürtige Kanadier vor einer Journalistin masturbiert haben. Von einer Mitarbeiterin soll er das Gleiche verlangt haben – sie zeigte ihn daraufhin an. Nur in Unterhosen bekleidet habe er sich Angestellten präsentiert, so die Vorwürfe. Charney kann die Vorwürfe nicht verstehen, im Gegenteil: Er fühlt sich in seiner Würde verletzt. "Es ist fast so, als würde man jemanden wegen seiner sexuellen Orientierung verspotten, um selbst besser dazustehen", sagte er in einem Interview in der Financial Times.

Nach dem Rausschmiss hängt jetzt das Schicksal der Firma, die mehr als 10.000 Menschen beschäftigt und knapp 250 Filialen weltweit unterhält, an zwei Hedgefonds. Sie streiten um Einfluss in dem Konzern, der einen Schuldenberg von mehr als 250 Millionen Dollar angehäuft hat und nur über 16,7 Millionen Dollar Cash verfügt. 

Kreditgeber fordern Geld zurück

Die britische Private-Equity-Firma Lion Capital fordert einen Zehn-Millionen-Dollar-Kredit zurück – und zwar sofort. Die Rückzahlung wäre eigentlich erst im Jahr 2018 fällig gewesen. Der Kredit ist aber an die Bedingung gebunden, dass Charney den Chefposten innehat. Droht der Kredit zu platzen, dann droht auch eine Kreditlinie der amerikanischen Bank Capital One über 50 Millionen Dollar fällig zu werden. Ein Domino-Effekt.

Nur eine kräftige Finanzspritze des Hedgefonds Standard General könnte die Insolvenz der Firma verhindern. Standard Capital ist – zusammen mit Charney –  inzwischen der größte Anteilseigner der Modekette. Der Hedgefonds hatte dem Firmengründer 20 Millionen Dollar geliehen, mit denen er seinen Unternehmensanteil von 27 auf inzwischen 43 Prozent ausbauen konnte. Nun wird spekuliert, dass Standard General helfen könnte, um die fälligen zehn Millionen an Lion Capital zu zahlen und weitere Nothilfen zu stemmen. Je mehr Anteile sich die Allianz um Charney hinzukauft, desto größer wird ihr Einfluss. Schon jetzt gibt es Gerüchte, dass Charney Mehrheitsaktionär werden will und so sein Comeback an der Firmenspitze vorbereitet.

Immer mehr Aktionäre trennen sich inzwischen von ihren Anteilen, der Kurs der American-Apparel-Aktien verfällt seit Monaten. Nur nach dem Rausschmiss des Firmenchefs zog er kurzfristig wieder an. War die Unternehmensaktie 2007 noch je 15 Dollar wert, kostete sie zum Börsenschluss am Dienstag gerade einmal 84 Cent. Ein Investor hat bereits den Vorstand verklagt, weil dieser Charneys Ungezogenheiten trotz "zahlreicher roter Fahnen" nicht aufgehalten habe. Der Grund dafür ist simpel: Charney war mit seinem Vorstand eng befreundet. Viele Mitglieder hatte er sich selbst ausgesucht.