Am Ende hat Argentinien auch das zweite Finale verloren, und wieder in der Verlängerung. Doch die Folgen der Niederlage von Manhattan werden das Land wohl länger verfolgen als die Schlappe im Estádio do Maracanã. Am Mittwochnachmittag stufte die Ratingagentur Standard & Poor's das Land bereits auf das Niveau eines teilweisen Zahlungsausfalls herab. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass der 30. Juli 2014 als das Datum des achten Staatsbankrotts der Republik Argentinien in die Geschichtsbücher eingehen wird.

Als das Flugzeug von Wirtschaftsminister Axel Kicillof in der Nacht abhob, herrschte in dessen Heimat noch große Ungewissheit, wie mit den widersprüchlichen Nachrichten aus New York umzugehen sei.

War's das jetzt? Bedeutet das Ende der Gespräche zwischen den Argentiniern und den Hedgefonds im Büro des Schlichters Daniel Pollack tatsächlich das Ende aller Kompromissmöglichkeiten? Ist der Vorstoß des argentinischen Bankenverbandes, den Fonds die umstrittenen Papiere abzukaufen, wirklich gescheitert? Wird Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner ihre Bürger davon überzeugen können, dass die großen Probleme, die dem Land in den kommenden Monaten bevorstehen, allein die Schuld von Thomas Griesa sind, jenes US-Richters, der politisch "rechter als rechts" stehe, wie die regierungsfreundliche Zeitung Pagina/12 am Dienstag schrieb?

Regierung kritisiert "Geierfonds"

Gestik und Rhetorik Kicillofs deuteten darauf hin, dass die Regierung das Finale vom Mittwoch noch nicht als verloren betrachten will. Als er aus dem Büro des Schlichters kam, lächelte er den auf der Park Avenue wartenden Journalisten zu und hob den Daumen, was die Berichterstatter in der Heimat zum live übermittelten Schluss verleitete, es habe eine Einigung gegeben. Und als der frühere Universitätslehrer dann in dem holzgetäfelten Raum des argentinischen Konsulats mehr als 40 Minuten lang über die "Geierfonds" herzog, über "Erpressung" sprach, die fehlende Objektivität des Richters und die interessengesteuerten Ratingagenturen, da vermittelte er den Eindruck des moralischen Siegers gegen die bösen Mächte des internationalen Finanzsystems. Mehrfach betonte Kicillof, den Hedgefonds ein Angebot gemacht zu haben, das diesen einen Gewinn von 300 Prozent ihrer Investitionen eingebracht hätte. Und er wiederholte, dass er nicht mehr habe offerieren können als das, was alle anderen Gläubiger bekommen haben, also etwa 35 Prozent des Nennwerts ihrer Aktien. Das sei argentinisches Recht.

Was der Minister nicht erwähnte: In New York gilt nicht argentinisches Recht. Das Urteil, das der Minister wie zuvor seine Präsidentin eine "Erpressung" nannte, wurde von allen Instanzen der US-Justiz bestätigt. Die argentinischen Staatsanleihen waren nun einmal unter dem Recht ausgegeben worden, das in New York gilt. Das hat seinen guten Grund: Wäre der Gerichtsstand nicht die US-Finanzmetropole gewesen, hätte das überschuldete südamerikanische Land 1999 wohl kaum Gläubiger gefunden, die seine – wegen des immensen Risikos hoch verzinsten – Papiere kauften.

Bis zuletzt an Einigung geglaubt

Dass Argentiniens Gläubiger nun die eigentlich schon Ende Juni fälligen Zinszahlungen nicht bekommen werden, sei nicht die Schuld seines Landes, sagte Kicillof. "Argentinien hat gezahlt. Und Argentinien wird auch weiter zahlen. Das ist kein Default", wiederholte der Minister die Argumente seiner Präsidentin gegen eine Staatspleite. Tatsächlich hat das Land am 26. Juni einen Betrag von 539 Millionen Dollar auf ein Konto der Bank of New York überwiesen. Aber dessen Auszahlung wurde vom New Yorker Richter Thomas Griesa verzögert. Er gab dem Land 30 Tage Fristverlängerung. Und die ist nun um.

Argentinien brauchte ein wenig, um das zu begreifen. Den ganzen Tag hatten die Medien über einen möglichen Last-Minute-Deal berichtet. Es hieß, der argentinische Bankenverband wolle den Hedgefonds eine Garantiesumme anbieten, damit diese den Richter um mehr Zeit bäten. "Es geht nur noch um eine Frage: 90 oder 180 Tage" titelte das Wirtschaftblatt Ambito Financiero online. Der Börsenindex Merval stieg um 6,9 Prozentpunkte auf die Rekordmarke von 8937,62 Punkten, die Aktie des Energieversorgers Edenor kletterte gar um 14,6 Prozentpunkte, das Länderrisiko fiel um 19, 7 Prozent und der Dollarkurs sank auf dem Schwarzmarkt von 12,80 auf 12,30 Pesos. Seit Wochen hatten die Wirtschaftsexperten eine Einigung in letzter Minute prognostiziert, weil ein Zahlungsausfall für alle Beteiligten die schlechtere Variante schien.