Wie tief die Gräben sind, zeigt schon die Wortwahl. Von "Elbvertiefung" spricht das Lager der Naturschützer, von "Fahrrinnenvertiefung" die Wirtschaft. Beide Seiten meinen dasselbe: Zwischen Hamburg und der Mündung der Elbe soll das Flussbett verbreitert und auf 19 Meter Tiefe ausgebaggert werden. So sollen auch Schiffe mit einem Tiefgang von 13,5 Metern den Hamburger Hafen anlaufen können, wann immer sie wollen – und nicht abhängig von Ebbe und Flut. Bislang ist das nur Schiffen bis 12,5 Meter Tiefgang möglich.

Genau über diesen einen Meter wird das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig ab Dienstag verhandeln. Gegen die inzwischen neunte Elbvertiefung auf einer Länge von 130 Kilometern hatten die Umweltverbände BUND und Nabu vor zwei Jahren erfolgreich geklagt und einen Eilstopp vor dem Bundesverwaltungsgericht erreicht. Ihrer Ansicht nach verstößt das Vorhaben gegen Gewässer- und Artenschutzrecht. Gleich sechs Verhandlungstage haben die Richter nun für das Hauptverfahren eingeplant – und der Ausgang ist offen. 

Das Infrastrukturprojekt könnte mit bis zu 900 Millionen Euro eines der größten in der Bundesrepublik werden. Was die Zahl der Umweltgutachten angeht, ist es schon jetzt eines der aufwändigsten. Hamburg ist Deutschlands größter Containerhafen und rangiert in Europa auf Platz zwei hinter Rotterdam. In der Region hat das Vorhaben maritime Glaubenskriege ausgelöst. Auf der einen Seite stehen die Stadt Hamburg und Wirtschaftsverbände, die mit der Elbvertiefung den Hafen zukunftsfähig machen wollen; gegen das Projekt kämpfen kleine Orte wie Otterndorf sowie die Umweltschützer, die um eine kostbare Flusslandschaft fürchten.

Angst vor Fischsterben nach Flussvertiefung

Hansestadt und Hafenwirtschaft sorgen sich um die Attraktivität des Hafens. Die Containerschiffe werden immer größer – und entsprechend schwieriger sind sie auf der Elbe und im engen Hamburger Terminal zu bewegen. "Die Restriktionen werden immer größer", sagt Alexander Geisler vom Zentralverband Deutscher Schiffsmakler, in dem sich Unternehmen zusammengeschlossen haben, welche die Ladung auf Schiffen vermitteln. "Die Infrastruktur kann mit der Entwicklung der Schiffe nicht mehr mithalten."

Seit Jahren schon versprächen die Schiffsmakler ihren Kunden – den großen Reedereien wie etwa Cosco oder Maersk –, dass bald die Elbvertiefung komme. "Es droht ein Imageschaden für Hamburg", warnt Geisler. Unter den Häfen Rotterdam, Antwerpen, Bremen und Hamburg herrscht ein enormer Wettbewerb. Rotterdam hat erst kürzlich mit Maasvlakte 2 ein neues Terminal in Betrieb genommen, Antwerpen hat ebenfalls investiert. Hamburg werde von der Champions League in die zweite Liga abzusteigen, warnt Geisler. Alternative Häfen in Deutschland wie etwa der neue JadeWeserPort in Wilhelmshaven seien nicht etabliert genug. Ihnen fehle die Infrastruktur im Hinterland, etwa die Anbindung ans Schienennetz, um die Container abzutransportieren.

Die Umweltverbände bezweifeln dagegen den Sinn einer weiteren Vertiefung. Von den 5.000 Containerschiffen, die jährlich Hamburg anliefen, seien nur 310 davon im vergangenen Jahr so groß gewesen, dass sie überhaupt Rücksicht auf die Tide nehmen mussten, so die Naturschützer. Seit der letzten Elbvertiefung im Jahr 1999 sei der Sauerstoffgehalt dramatisch gesunken, heißt es beim BUND. Der Grund: Pflanzliches Material, das etwa aus der Oberelbe angeschwommen käme, falle in die vertiefte Fahrrinne hinab und vermodere dort – diese Vorgänge reduzierten den Sauerstoff im Wasser. Tote Fische wegen der Elbvertiefung, das ist die Sorge.

Zudem müsse die Elbe jedes Jahr für Dutzende Millionen Euro ausgebaggert werden, damit die Fahrrinne nicht wieder verschlicke. Anfang des Jahrhunderts sei die Elbe bei Hamburg nur etwa drei bis vier Meter tief gewesen, jetzt werde sie fast sechs Mal so tief. Das hat Folgen für den Tidenhub, den Unterschied zwischen Ebbe und Flut. Er habe sich in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt.

Beim BUND weiß man um die Brisanz des Ökothemas und den Konflikt mit Wirtschaftsinteressen. "Auf den Richtern lastet ein enormer politischer Druck", sagt Paul Schmidt vom BUND Hamburg.

Nicht nur in Leipzig, sondern auch in Luxemburg verhandeln zurzeit Richter über Schlick und Bagger. Denn auch die Weser ist Thema vor Gericht. Niedersachsen und Bremen wollen zwischen Bremerhaven und Küste die Weser tiefer machen und der Europäische Gerichtshof muss entscheiden, ob das der europäischen Wasserrahmenrichtlinie widerspricht. Diese verlangt, dass sich der Zustand der Gewässer in der EU nicht verschlechtern darf. Genau das aber befürchten Umweltschützer.

Das Verfahren in Luxemburg wird noch Monate dauern, könnte aber einen Präzedenzfall schaffen – auch mit Folgen für die Elbe. Es könnte also noch Monate dauern, bis eine endgültige Entscheidung über die Elbvertiefung fällt.