Die deutsche Wirtschaft verlangt immer mehr dieser Abkommen. Denn nach Beobachtung der Unternehmen ziehen andere Volkswirtschaften derzeit immer höhere Mauern hoch – im vermeintlichen Glauben, sich so vor den Folgen der Euro-Schuldenkrise und einem schwächelndem Wachstum in Asien zu schützen. "Unternehmen berichten von immer neuen Maßnahmen, die ihnen die Einfuhr in die Zielländer erschweren, etwa neue Dokumentationspflichten und zusätzliche Abgaben", sagt Felix Neugart, Bereichsleiter Außenwirtschaftspolitik beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag. "Der Abschluss von Freihandelsabkommen ist daher wichtig, um diesem Trend entgegenzutreten und stabile, vorhersehbare Rahmenbedingungen für unsere Exporteure zu schaffen."

Dass die Verhandlungen zu TTIP im Geheimen stattfinden, ist eigentlich nichts Neues – nur hat sich bei bisherigen Abkommen selten jemand aufgeregt. Das Procedere ist bei praktisch allen Abkommen gleich. Das Argument: Verhandlungen brauchen ein bestimmtes Maß an Vertraulichkeit. Würde jede Position sofort öffentlich, würde sich keine Seite mehr vorwagen – am Ende käme kein Vertrag zustande.

"Da regt sich keiner drüber auf"

Ein weiterer Kritikpunkt an TTIP ist in der Welt der Handelsabkommen ebenfalls ein alter Hut: Schutzregeln für Investoren. Deutschland hat schon mehr als 100 entsprechende Abkommen abgeschlossen. "Da regt sich keiner drüber auf", wundert sich Langhammer. Bei TTIP wurde das Ganze plötzlich zum Gesellschaftsthema: Kritiker befürchten, dass über dieses Einfallstor Konzerne die Möglichkeit erhalten, staatliche Regelungen auszuhebeln und hohe Entschädigungen einzuklagen.

Tatsächlich scheint sich die Auslegung der Regeln zu ändern – zumindest wenn man Skeptikern wie dem Außenhandelsexperten Christoph Scherrer von der Uni Kassel glaubt. Ursprünglich sei es darum gegangen, Firmen in Ländern ohne rechtsstaatliche Prinzipien zu schützen. Der klassische Fall: Eine sozialistische Regierung in Südamerika will die Mine eines westlichen Bergbaukonzerns verstaatlichen. Weil das Unternehmen vor lokalen Richtern keine Chance auf eine faire Behandlung haben dürfte, kann es vor ein Schiedsgericht ziehen und dort Schadenersatz einklagen. Soweit findet das auch Scherrer nachvollziehbar.

Doch heute würden spezialisierte Anwaltskanzleien immer stärker gegen normale Gesetze zu Felde ziehen. Berühmt geworden ist die Klage Vattenfalls gegen den deutschen Atomausstieg. Ägypten droht eine empfindliche Zahlung, weil der französische Wasser- und Energieriese Veolia das Gefühl hat, die Regierung in Kairo greife rechtswidrig in die Wirtschaftsbedingungen ein. Der Tatbestand: Die Nordafrikaner haben den Mindestlohn angehoben – auf umgerechnet 72 Euro im Monat.

Dabei ist das Abkommen, auf das sich die Franzosen berufen, noch nicht einmal neu, es stammt von 1974. Es wird heute nur anders interpretiert.