Dass es so schnell wieder so gut läuft, hätten selbst die größten Optimisten nicht gedacht. Von der Schuldenkrise, die die Eurozone mehrfach an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hat, ist momentan nicht mehr viel zu sehen. Niemand spricht mehr von einem Staatsbankrott in Portugal, Spanien oder Irland. Selbst aus Griechenland kamen zuletzt gute Nachrichten. Doch die Ruhe könnte trügerisch sein. Denn viele Ökonomen, Bankanalysten und Beamte in Regulierungsbehörden stellen sich momentan eine beunruhigende Frage: Haben wir uns über die falschen Schulden Sorgen gemacht? 

Bisher waren vor allem Staatsschulden ein Problem. Weil Investoren Griechenland, Portugal und Irland keine neuen Kredite mehr geben wollten, mussten Hilfskredite verteilt, Sparprogramme aufgelegt und Leitzinsen gesenkt werden. Dass Länder pleitegehen und die Eurozone auseinanderbricht, konnte so verhindert werden. Ein Erfolg ist die Rettung der Währungsunion trotzdem nicht, dafür geht es vielen Euro-Staaten einfach zu schlecht. Und das könnte an den Schulden liegen – aber nicht an den staatlichen, sondern an den privaten.

In den Jahren vor der Finanzkrise 2008 herrschten auf dem Kapitalmarkt nicht nur für Regierungen paradiesische Zustände, auch Privatpersonen und Unternehmen kamen günstig an Geld. In den USA hielt die Notenbank Federal Reserve die Zinsen lange verhältnismäßig niedrig und in Europa floss viel überschüssiges Kapital aus dem Norden in den Süden. Die Folge: Die Schulden des Privatsektors stiegen in kürzester Zeit extrem an (siehe Grafik). In vielen Ländern deutlich schneller als die Staatsverschuldung. In Portugal lagen sie schon 2007 bei über 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. In Spanien und Irland war es ähnlich.

Hohe Schuldenquoten sind nicht nur für Staaten gefährlich. Auch im Privatsektor können sie zu Schuldenkrisen führen. Anders als Staatsbankrotte verlaufen Privatschuldenkrisen allerdings oft eher unspektakulär – zumindest auf den ersten Blick. Als die Kreditzinsen in Folge der Finanzkrise nach 2008 stiegen und die Wirtschaft einbrach, versuchten viele der hoch verschuldeten Firmen und Haushalte, ihre Kredite zurückzuzahlen.

Die USA haben das Schlimmste hinter sich

Wenn aber plötzlich alle gleichzeitig ihre Schulden tilgen wollen und dafür weniger konsumieren, wird es gefährlich. Die Nachfrage bricht ein, Unternehmen kürzen Löhne und entlassen Angestellte. Dadurch wird es für viele noch schwieriger, die Schulden zu tilgen und der Konsum sinkt weiter. Genau in dieser Abwärtsspirale stecke momentan die Eurozone, schreiben die Ökonomen Atif Mian und Amir Sufi in einem Blogeintrag auf der Website House of debt. In den USA ist gerade ihr gleichnamiges Buch erschienen, in dem sie detailliert die Finanzkrise und die anschließende Rezession sezieren. 

Ihr Befund: In den USA war die Krise eine klassische balance sheet recession, ein Begriff für den gleichzeitigen Schuldenabbau von Unternehmen und Haushalten. Während die USA inzwischen durch das Schlimmste durch seien, komme das Problem jetzt in Europa an. Die Daten der Ökonomen zeigen, dass in Euro-Staaten, in denen der Privatsektor vor 2008 viele Kredite aufgenommen hat, der Konsum besonders stark eingebrochen ist.

Die Erkenntnis, dass private Schulden schlimme Wirtschaftskrisen auslösen können, ist nicht neu. Der Ökonom Moritz Schularick von der Universität Bonn veröffentlichte im vergangenen Herbst zusammen mit zwei Kollegen eine Studie, für die die Forscher 94 Krisen aus den vergangenen 140 Jahren analysiert haben. Die schlimmsten Einbrüche gab es immer dann, wenn Unternehmen und Haushalte hoch verschuldet waren, zeigt ihre Auswertung. "Große Finanzkrisen sind meistens die Folge eines sehr starken Kreditwachstums im privaten Sektor", sagt Schularick.