Wenn etwas unumgänglich ist, dann bedeutet das, dass kein Weg daran vorbeiführt. Eigentlich. Die Strafen gegen Russland seien "unumgänglich", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel, nachdem sich 28 europäische Botschafter am Dienstag auf schärfere Sanktionen gegen Russland geeinigt hatten. Die Europäische Union will russische Staatsbanken vom europäischen Kapitalmarkt abschneiden, damit sie sich und die Firmen ihres Landes nicht mehr mit frischem Geld versorgen können.

Auch bestimmte Unternehmensanleihen dürfen künftig nicht mehr von EU-Bürgern gekauft und gehandelt werden. Jetzt fragen sich viele Banken, Kunden und selbst Behörden, was das für sie bedeutet, wer die Verbote eigentlich umsetzt – und vor allem: Wer kontrolliert, ob sich alle daran halten. Bisher wissen das die meisten Beteiligten nicht. Und bereits frühere Sanktionen gegen den Iran haben gezeigt, dass solche Verbote alles andere sind als "nicht zu umgehen".

An welcher Stelle also setzt man an, wenn man europaweit den Handel mit bestimmten Wertpapieren unterbinden will? Und was bedeutet das für diejenigen, die russische Unternehmensanleihen im Depot haben, etwa Gazprom-Anleihen, die sich deutsche Sparer in Niedrigzinszeiten massenhaft ins Depot legten? Müssen sie die nun flott losschlagen, bevor die mit den Sanktionen unveräußerlich werden? Zumindest Letzteres wird von Experten eindeutig mit "Nein" beantwortet: Das Verbot betreffe nur Anleihen, die neu aufgelegt werden, also noch nicht auf dem Markt sind. Es gehe der EU darum, zu verhindern, dass frisches Geld längerfristig nach Russland fließe. Bei Anleihen, die bereits in den Depots liegen, wechselt nur der Besitzer. Dies wird deshalb als unproblematisch empfunden.

Zudem gilt das Verbot nur für Wertpapiere mit einer Laufzeit ab 90 Tagen. Warum gerade kurzfristige Finanzierungen weiterhin erlaubt sind, erklärt Andrew Bossomworth, Managing Director der Investmentgesellschaft Pimco, dem größten Anleihenhändler der Welt, so: "Es soll keine längerfristige Finanzierung von Projekten geben. Aber die Unternehmen sollen dennoch genug Liquidität haben, um solvent zu bleiben und nicht pleite zu gehen."

Viele Fragen noch offen

Wie die EU nun den Handel mit den übrigen Papieren unterbinden will, ist vielen Beteiligten schleierhaft – zumal es keine europäische Aufsichtsbehörde für solche Angelegenheiten gibt. Manch ein Marktteilnehmer hält den Sanktionsbeschluss deshalb für etwas vollmundig: "Dafür muss die Europäische Union schon an verdammt vielen Stellen in der Finanzinfrastruktur ansetzen."

Wenn der Handel von Wertpapieren über die Börsen läuft, kann die zuständige Börsenaufsicht den Kauf und Verkauf von Papieren untersagen. Dazu hat sie das Recht. Gelegentlich werden ja auch Aktien vom Handel ausgesetzt, etwa wenn Nachrichten von der nahen Insolvenz eines Unternehmens die Runde machen und es zu Turbulenzen kommt. Dann stoppen die Börsen den Verkauf von Papieren, "zum Schutz der Aktionäre", wie sie sagen, um allen Wertpapierbesitzern die Möglichkeit zu geben, zuerst von den Nachrichten zu erfahren, bevor weitergehandelt wird. Das dauert meist nur ein paar Stunden.

Doch nicht alle Aktien und Anleihen werden ständig und überall an den Börsen gehandelt. Manche werden auch nicht öffentlich zwischen Unternehmen und Endkunden verschoben. Wie das Verbot bei solchen Private Placements funktionieren soll, ist selbst Anleihenkäufern noch nicht klar. Meist laufen solche Platzierungen zwar über eine Bank, die solche Neuemissionen an die Kunden bringt. Wenn nun aber eine russische Bank solche Papiere direkt an vermögende Finanziers ausgibt, braucht sie keine andere Bank oder Börse in Europa dazu. Kauft aber ein Investor aus einem Land, das Sanktionen beschlossen hat, solche Papiere, dann macht er sich damit strafbar. In diesem Fall ist aber die Frage: Wie erfahren die Aufsichtsbehörden je davon?