Ein Neuwagen bedeutet in Russland ein Stück Luxus. Er steht für viele Russen symbolisch für den wachsenden Wohlstand im Land, selbst wenn man in den Metropolen eigentlich nur im Stau steckt. Gerade die ausländische Autoindustrie hat vom hohen Wirtschaftswachstum und dem Nachholbedarf in Russland in den vergangenen Jahren profitiert und Traumumsätze eingefahren. Der PKW-Absatz wurde zum Indikator für die wirtschaftliche Situation im Land. Bald, so hofften viele Unternehmer, werde Russland Deutschland als größten Absatzmarkt in Europa ablösen.

Von dieser Euphorie ist mittlerweile nicht mehr viel übrig. Die Unternehmen sind vielmehr um Schadensbegrenzung bemüht. Seit Jahresbeginn sind die Verkäufe um fast 17 Prozent eingebrochen. Die ohnehin schon stagnierende russische Wirtschaft wurde von der Krise in der Ukraine hart getroffen. "Die Krise macht alles viel, viel schlimmer", klagt ein deutscher Automanager in Moskau im Gespräch mit ZEIT ONLINE. 

Unabhängig davon, welche weiteren Sanktionen die Europäische Union am Donnerstag gegen Russland verhängen wird: Die schlechte Wirtschaftslage ist überall zu spüren, nicht nur auf dem Automarkt. Russlands Mittelschicht hält ihr Geld zusammen. Sie fürchtet eine steigende Inflation – schon jetzt liegt die Preissteigerung bei über sieben Prozent. 

Der Kreml wiegelt ab

Hinzu kommt die wachsende Kapitalflucht: Allein im ersten Quartal haben Unternehmen und Banken 70 Milliarden Dollar aus dem Land abgezogen. An der Börse in Moskau herrscht Nervosität, die Aktienkurse geben nach und auch der Rubel hat an Wert verloren. Im laufenden Jahr wird die russische Wirtschaft wohl lediglich um magere 0,5 Prozent wachsen. 

Im Kreml versucht man so gut es geht, die Probleme klein zu reden. Stattdessen wird mit Gegenmaßnahmen gedroht, sollte der Westen weitere Sanktionen verhängen. Bislang hätten die Sanktionen der Wirtschaft keinen größeren Schaden zugefügt, sagte Ministerpräsident Dmitri Medwedew jüngst. "Und die internationalen Erfahrungen zeigen, dass noch nie jemand durch Sanktionen in die Knie gezwungen wurde."  

Die politische Agenda Putins ist die eine Seite, die andere ist der ökonomische Alltag in Russland: Experten gehen davon aus, dass das Wirtschaftsumfeld deutlich schwieriger wird, wenn sich russische Unternehmen auf den globalen Kapitalmärkten frisches Geld besorgen müssen. Die Unsicherheit und der Vertrauensverlust haben ausländische Investoren abgeschreckt. Andrej Kostin, Chef der staatlichen VTB Bank warnte jüngst, die Sanktionen trieben Russland in eine Rezession und machten das Land zu einem globalen Außenseiter.