Und obwohl in den vergangenen Monaten vor allem Steuerhinterzieher wie Uli Hoeneß am Pranger standen: Die Verluste aus entgangener Unternehmenssteuer sind geschätzt zwanzigmal so hoch wie die Summen, die Privatpersonen hinterziehen.

IT-Konzerne profitieren am stärksten

Besonders IT-Konzerne wie Apple profitieren von den Möglichkeiten eines globalisierten Steuerrechts. Sie besitzen häufig immaterielle Vermögensgegenstände, etwa ein Patent auf iPhones. Und diese Markenrechte lassen sich besonders gut an Tochterfirmen in Irland oder Luxemburg auslagern. Will der Mutterkonzern nun die Patente nutzen, wird dafür eine Gebühr fällig – an den eigenen Ableger im Niedrigsteuerland.

Sogar Kredite vergeben die verschiedenen Firmenzweige untereinander, immer mit demselben Ziel: den Konzerngewinn möglichst kleinzurechnen. Das Geld wird solange zwischen Ländern und Sparten hin und her geschoben, bis für die Finanzämter nur noch ein spärlicher Rest übrig bleibt.

Beinahe jedes international agierende Unternehmen mogelt sich auf diese Weise um höhere Steuerzahlungen herum. In ihrem Jahresbericht 2011 brüstet sich etwa die Deutsche Bank mit einer niedrigen Steuerquote – natürlich dank einer "vorteilhaften geographischen Verteilung des Konzernergebnisses".

Kleineren Firmen fehle für solche Tricksereien oftmals schon das Personal, sagt Steuer-Lobbyist Henn. "Es gibt keine große Finanzabteilung, die sich nur darum kümmert, Steuerschlupflöcher zu entdecken." Die Folge: Preisvorteile, über die Großkonzerne aufgrund ihrer Marktmacht eh schon verfügen, verschärfen sich. Der Kampf David gegen Goliath wird noch aussichtsloser.

EU-Kommission: Apple, Starbucks und Fiat im Visier

Auch die Politik hat das Problem erkannt. Im Mai war Ökonomin Riedel für ein Fachgespräch im Finanzausschuss des Bundestages, um den neuesten Stand der Forschung zu präsentieren. Dort bewarb sie unter anderem ein Steuermodell, in dem Transaktionspreise dokumentiert werden müssen. Im Klartext bedeutet das: Konzerne könnten interne Deals nicht mehr zu beliebig hohen Preisen abrechnen.

Genau diesen Vorwurf erhob kürzlich auch EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia gegen drei Unternehmen: Apple, Starbucks und Fiat. "Wir haben ernste Zweifel, dass diese drei Steuerbescheide mit den europäischen Regeln über staatliche Beihilfen vereinbar sind", sagte Almunia. Der Kommissar vermutet, dass die drei Unternehmen ihre Ausgaben durch überhöhte interne Preise künstlich nach oben getrieben haben. Es wäre ein klassischer Fall von Wettbewerbsverzerrung.

Ökonomin Riedel ist allerdings skeptisch, ob die Offensive der Kommission Erfolg haben wird. "Gewinnverschiebungen in Steuerhäfen sind seit 20 Jahren ein Problem", sagt sie. Die Niedrigsteuerländer hätten keinen Anreiz, das lohnende Geschäft einfach so aufzugeben. "Die Eindämmung solcher Praktiken wird deswegen sicher auch in Zukunft schwierig bleiben."