Noch vor einem Monat verließ jeden Tag ein Lkw die türkische Firma Akanlar in Richtung Irak – vollgepackt mit Instantkaffee, Schokolade und Fertigsuppen. Von der südostanatolischen Stadt Gaziantep brachten die Laster die Waren nach Erbil in den Nordirak, in die Hauptstadt Bagdad und nach Mossul. Doch seit vor vier Wochen die islamistische Terrororganisation Isis die Stadt Mossul erobert hat, bleibt der größte Teil der Lastwagen in der Garage. 

"Die Wege sind unsicher", sagt Nihat Sevindi, ein Verantwortlicher der Firma. "Im Moment können wir höchstens einen Lkw pro Woche in den Irak schicken, manchmal sogar noch weniger. Wir exportieren hauptsächlich in den Irak, deshalb ist die momentane Situation für uns ein großes Problem. Wir können nur hoffen, dass sich die Lage bald bessert."

Die türkischen Exporteure sind verunsichert. Die Türkei ist von der Krise im Irak und in der gesamten Region direkt betroffen – wirtschaftlich und politisch. Im Juni entführte Isis 49 Türken aus dem türkischen Konsulat, erst kurz zuvor hatte Isis 32 türkische Lastwagenfahrer als Geiseln genommen. Die AKP-Regierung verhängte daraufhin eine Nachrichtensperre – über die Entführungen darf in den türkischen Medien nicht mehr berichtet werden.  

Der Irak ist das zweitwichtigste Exportland

Die Fahrer sind inzwischen wieder frei, doch die Verkehrswege in den Süden des Iraks bleiben unsicher. Viele Kunden haben ihre Aufträge storniert. Nach Angaben des Rats der türkischen Exporteure ist der Handel mit dem Irak im Juni im Vergleich zum Vorjahr um zwanzig Prozent zurückgegangen. Für Juli erwartet Ercümet Aksoy, der Vorsitzende des türkischen Außenhandelsverbandes DEIK, einen Einbruch um 50 Prozent.

Für die Türkei ist der Irak nach Deutschland das zweitwichtigste Exportland. Waren im Wert von knapp 11,9 Milliarden Dollar lieferte die Türkei im vergangenen Jahr in den Irak, vor allem Baumaterial und Lebensmittel. Das entspricht rund acht Prozent der türkischen Exporte. Zum Vergleich: Nach Deutschland exportiert die Türkei Waren im Wert von 13,7 Milliarden Dollar. Im kurdischen Nordirak sind viele türkische Unternehmen aktiv – dort ist die Lage noch stabil. Doch auch die dortigen Unternehmer seien verunsichert und stellten Investitionen zurück, sagt Aksoy. Durch die Krise in der Region seien außerdem die Landwege nach Saudi Arabien und Kuwait blockiert.

Mittlerweile wurde eine Arbeitsgruppe für Transport und Logistik im Irak eingerichtet. Sie stimmt sich mit dem türkischen Außenministerium ab. Der türkische Wirtschaftsminister Nihat Zeybekçi versicherte noch Mitte Juni, dass die Krise der Wirtschaft und dem türkischen Handel nicht schaden würde. Die größte Oppositionspartei CHP sieht das anders: Sie veröffentlichte Ende des Monats einen Bericht über die Auswirkungen der Irak-Krise und bezifferte den gesamtwirtschaftlichen Schaden auf 8,5 Milliarden Dollar.