Von Reiner Lipkas Büro im Zentrum von Gelsenkirchen schaut man weit. Die Emscher im Norden, die alten Zechen im Südwesten. Lipka ist hier geboren, zu einer Zeit, als es Gelsenkirchen gut ging. Er war viele Jahrzehnte Arbeitsvermittler, zwischenzeitlich Berater bei Roland Berger, seit zehn Jahren leitet er das Jobcenter in Gelsenkirchen, dem Schlusslicht am deutschen Arbeitsmarkt. Zuletzt machte er Schlagzeilen, als er seine Mitarbeiter anwies, die Arbeitslosen nicht mehr über das Betreuungsgeld zu informieren. Er hatte Sorge, diese würden sich sonst weniger Mühe bei der Stellensuche geben und lieber zu Hause bleiben. Das, sagt er, sei das Letzte, was er gebrauchen könnte.  

ZEIT ONLINE: Herr Lipka, was denken Sie, wenn Sie in den Zeitungen vom deutschen Jobwunder lesen?

Reiner Lipka: Ich empfinde oft Neid.

ZEIT ONLINE: Nirgendwo in Deutschland ist die Arbeitslosigkeit höher als in Gelsenkirchen.

Lipka: Wenn Sie von hier durch die Fußgängerzone zum Bahnhof gehen, können Sie die Transferempfänger abzählen: Jede vierte Familie in Gelsenkirchen bekommt Hartz IV, viele davon seit Jahren. Wir haben in Gelsenkirchen durch den Wegfall der Zechen und Montanarbeitsplätze 60.000 Arbeitsplätze verloren. Danach hat die Stadt versucht, neue Branchen anzuziehen: Glasindustrie, Bekleidungsindustrie, Solartechnik. Das hat alles nicht funktioniert. Deshalb haben wir heute 75.000 sozialversicherungspflichtige Jobs und 32.000 Hartz-IV-Empfänger. Nirgendwo sonst in Deutschland ist das Verhältnis von Arbeitsplätzen zu Arbeitslosen so ungünstig wie bei uns.

ZEIT ONLINE:
Was wissen Sie über die Arbeitslosen?

Lipka: Sie unterscheiden sich sehr voneinander. In Deutschland denken viele, dass die Gruppe der Hartz-IV-Empfänger ein monolithischer Block sind, aber das ist falsch.

ZEIT ONLINE: Wie ist es dann?

Lipka: Von den 32.000 Hartz-IV-Empfängern können wir 8.000 gar nicht vermitteln, weil sie etwa krank sind oder als 18-Jährige noch zur Schule gehen. Bleiben 24.000. Die besten 6.000 davon können wir noch in Arbeit bringen, wenngleich oft nur für kurze Zeit. Im Durchschnitt sind die Leute fünf Monate beschäftigt, bis sie zu uns zurückkommen.

ZEIT ONLINE: Fünf Monate sind keine lange Zeit.

Lipka: Es ist ein kurzlebiges Geschäft. Aber diese Leute nehmen immerhin am Arbeitsmarkt teil, sie bleiben in Bewegung. Schwieriger ist es bei den anderen. Einige von ihnen haben Arbeitsmarkthemmnisse, die wir abbauen können, mit Trainings, Schulungen. Der größte Teil dieser Menschen hat im Moment aber einfach keine Chance. Das macht mich ehrlich wütend.

ZEIT ONLINE: Weil sie nichts ausrichten können.

Lipka: Doch, wir können viel tun. Aber weil wir zu sehr auf die Arbeitslosenzahlen fixiert sind, tun wir im Moment zu oft das Falsche.

ZEIT ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Lipka: Die Jobcenter in Deutschland konzentrieren sich darauf, so viele Menschen wie möglich in Arbeit zu bringen. Danach werden wir alle bewertet, es gibt Rankings: Je weniger Arbeitslose, desto besser. Das Problem daran liegt auf der Hand. Es gibt einen Anreiz, all jene zu vernachlässigen, bei denen eine Vermittlung eher unwahrscheinlich oder ausgeschlossen ist. Genau diese Leute werden aber in Zukunft das größte Problem sein.

ZEIT ONLINE: Der harte Kern der Langzeitarbeitslosen, der auch bundesweit kaum gesunken ist.

Lipka: Ja, in Gelsenkirchen sind das oft normale Gelsenkirchener Bürger. Die sind vielleicht einfache Leute, haben aber einen Schrebergarten und singen im Kirchenchor. Das sind Männer, die jahrelang an der Blechpresse gearbeitet haben, die es heute nicht mehr gibt. Das ist aber auch die 50-jährige alleinstehende Frau, die früher in der Bekleidungsindustrie gearbeitet hat und heute keine Stelle findet. McDonald’s nimmt sie nicht, weil sie dem Unternehmen nicht gut genug ist. Das Callcenter will sie nicht, weil ihre Sprachkompetenz nicht ausreicht. In die Gastronomie können wir nicht vermitteln, weil das Aussehen nicht dem entspricht, was der Arbeitgeber sich wünscht. Es ist doch zynisch, dieser Frau zu sagen: "Jetzt streng dich doch mal was an."

ZEIT ONLINE: Die klassische Methode, um den Leuten zu helfen, lautet bisher: Arbeitsangebote und Umschulungen.

Lipka: Ja, das ist die bisherige Philosophie. Da kommt zum Beispiel ein gelernter Schlosser zum Arbeitsvermittler und sagt: "Ich bin arbeitslos". Der Vermittler antwortet: "Haben Sie denn einen Schweißerschein? Nein? Dann machen Sie mal einen, das erhöht ihre Chancen, wir zahlen auch." Der Schlosser macht eine Schulung, kommt nach einiger Zeit zurück zum Vermittler und muss erfahren, dass es noch immer keine Arbeit gibt. Dann wird der nächste Lehrgang gemacht, obwohl das nichts bringt. Das ist der klassische berufsqualifzierende Ansatz, an den ich früher auch geglaubt habe. Aber er funktioniert eben oft nicht.

ZEIT ONLINE: Was wäre die Alternative?

Lipka: Wir müssen den Leuten mehr zuhören. In Großbritannien gibt es den sogenannten Work-first-Ansatz. Da setzen sich die Arbeitslosen mit ihrem Coach zusammen und besprechen, warum sie keine Arbeit finden. Da kommt oft raus, dass die Probleme ganz andere sind: Gewichtsprobleme, Schuldenprobleme. Das ist dann ein großes Sich-Ehrlichmachen, auch für uns. Ich halte es zum Beispiel für unfair, eine stark übergewichtige Kundin oder Kunden immer wieder zu einer Bewerbung im Einzelhandel zu schicken. Das ist für sie ein Spießrutenlauf. Es ist besser, zuerst bei ihren persönlichen Problemen zu helfen. Wir bieten deshalb mittlerweile Kurse in Ernährungsberatung, Farb- und Stilberatung oder Kosmetik an. Wir haben sogar schon Walking-Stöcke besorgt.

ZEIT ONLINE: Sie machen mit den Arbeitslosen Sport?

Lipka: Ja, und wissen Sie was? Viele bekamen plötzlich wieder neuen Lebensmut. Die lernten plötzlich, dass es vorwärts gehen kann. Eine Frau hat neulich 45 Kilo abgenommen, jetzt hat sie eine Stelle als Erzieherin gefunden. Das andere Problem ist, dass ein Hartz-IV-Empfänger oft wenig mobil ist.