Auf den ersten Blick verläuft das Leben in Großbritannien wieder in geregelten Bahnen. Die Wirtschaftskrise, die im Vereinigten Königreich länger anhielt als die Große Depression in den 1930er Jahren, ist überstanden. Zumindest vorerst. Die Wirtschaftsleistung hat den alten Höchststand von 2008 wieder überschritten und die aktuellen Wirtschaftsdaten geben Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Das kulturelle Leben, insbesondere in der Hauptstadt London, kann sich ohnehin auf jede noch so schlechte Wirtschaftslage einstellen.

In Großbritannien läuft also alles wieder rund? Hat sich das traditionell britische Keep calm and carry on auch in diesen turbulenten Zeiten ausgezahlt? Mitnichten. Denn was wie stoisches Kurshalten aussehen mag, entpuppt sich bei näherem Betrachten eher als Schlafwandeln auf der Suche nach Orientierung. Die Widersprüche in den wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen nehmen zu. Und Großbritanniens Zukunft ist heute unsicherer denn je, das Konfliktpotenzial so hoch wie lange nicht mehr.

Der britische Aufschwung ist, ähnlich wie in Deutschland, mit erheblichen Risiken behaftet. Aber neben der unsicheren geopolitischen Lage (Ukraine, Gaza, Irak), gibt es einige britische Besonderheiten. Die wichtigste: Die gute Konjunktur kommt in der Bevölkerung nicht an.

Seit 2009 sind die Reallöhne um rund vier Prozent gefallen. Wenn es gut läuft, werden sie in diesem Jahr erstmals wieder leicht zulegen. Damit ist die langjährige Durststrecke, die die britischen Haushalte durchleben, aber noch längst nicht beendet. Ein Grund liegt in der niedrigen Produktivität, die sich immer noch 17 Prozent unter dem langjährigen Trend befindet. Dass es auf dem Arbeitsmarkt trotzdem vergleichsweise gut aussieht, hat auch mit dem deutlich ausgeweiteten Niedriglohnsektor zu tun. Eine solide wirtschaftliche Erholung sieht anders aus.

Keine langfristige Strategie

Auch von den Plänen der Regierung, die britische Wirtschaft breiter aufzustellen und die übermäßige Abhängigkeit von bestimmten Finanzdienstleistungen und dem alles dominierenden Standort London zu reduzieren, ist bislang wenig zu sehen. Ein langfristiger, strategischer Kurs in der Wirtschaftspolitik ist nicht auszumachen.

Eine solche langfristige Orientierung ist auch deshalb schwierig, weil die politischen Widersprüche noch schwerer wiegen als die wirtschaftlichen. Das Land ist sich selbst und seiner Rolle in Europa nicht mehr sicher.

Die innere Unsicherheit zeigt sich am stärksten an den schottischen Unabhängigkeitsbestrebungen, die im September in ein bindendes Referendum münden. Zwar gehen nur wenige Beobachter davon aus, dass sich Schottland aus dem Vereinigten Königreich verabschieden wird. Aber eine konstitutionelle Reform mit mehr Unabhängigkeit für die Schotten gilt als sicher. Viele Schotten fühlen sich von der britischen Regierung im fernen London fremdbestimmt. Ein oft zitierter Spruch dazu stammt von Alex Salmond, dem schottischen First Minister: Es gebe in Schottland mehr Pandabären (zwei im Zoo von Edinburgh) als konservative britische Abgeordnete (nur einen).