ZEIT ONLINE: Herr Professor Yakovlev, stehen wir am Beginn eines neuen Kalten Krieges?

Andrei Yakovlev: Das ist durchaus möglich. Dennoch unterscheidet sich die Lage heute völlig von der Situation, die wir vor 50 oder 60 Jahren hatten. Europa und Russland sind eng miteinander verbunden, die Wirtschaftsräume hängen stark voneinander ab. Jede Sanktion trifft beide Seiten gleichermaßen.  

ZEIT ONLINE: Wie schwierig ist die wirtschaftliche Lage Russlands?

Yakovlev: Sie ist mit Sicherheit alles andere als gut. Aber der Abschwung hat in Russland schon lange vor der Ukraine-Krise begonnen, und seine Ursachen liegen in Russland selbst.

 ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Yakovlev: Vor der weltweiten Finanzkrise hatte die russische Regierung eine relativ genaue Vorstellung, wie sie die Wirtschaft reformieren und entwickeln wollte. Der Staat sollte weiterhin eine entscheidende Rolle spielen – wie beispielsweise in Südkorea. Die russische Elite wollte die Hoheit über strategisch wichtige Wirtschaftszweige wie den Rohstoff- und Technologiesektor unbedingt behalten. 

Dann hat die Finanzkrise Moskau gezeigt, dass dieses staatskapitalistische Modell veraltet ist und nicht mehr funktioniert, zumindest nicht in Russland. Aber was ist die Alternative? Auf diese Frage gibt es innerhalb der russischen Elite sehr gegensätzliche Antworten. Unterschiedliche Interessengruppen kämpfen miteinander. Eine Liberalisierung, um neues Wachstum zu ermöglichen, war in der Vergangenheit nicht einfach und ist es heute immer noch nicht. 2010 hat Russland zumindest ein paar zaghafte Schritte in diese Richtung unternommen. Aber mit dem Beginn des Arabischen Frühlings haben die rückwärtsgewandten Gruppen innerhalb der russischen Elite wieder die Oberhand gewonnen und ihren Einfluss ausgebaut.

ZEIT ONLINE: Warum?

Yakovlev: Sie befürchten, Russland könnte irgendwann wie Ägypten enden – in einer tiefen politischen und ökonomischen Krise. Sie hatten Angst davor, dass mehr Freiheiten für die Wirtschaft und für die Russen selbst in einen Prozess münden könnten, den sie nicht mehr aufhalten können. Und Wladimir Putin dachte über seine eigene politische Zukunft nach. Er will nicht enden wie Hosni Mubarak.

ZEIT ONLINE: Was passierte dann?

Yakovlev: Nichts. Die russische Elite hat kein Konzept, keine Alternative, wie sie die Wirtschaft und die Gesellschaft organisieren will. Auf der einen Seite gibt es Personen wie Dmitri Medwedew. Er steht für eine Liberalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Aber auf der anderen Seite stehen im Kreml immer noch eine große Gruppe von Hardlinern. Sie wollen zurück in die vermeintlich gute alte Zeit, wie es sie unter Stalin oder Peter dem Großem gab. Ihr Ziel ist es, die vollständige Kontrolle über die Wirtschaft und die Bürger zu behalten.

ZEIT ONLINE: Momentan sieht es so aus, als ob diese Gruppe die Oberhand behalten würde.

Yakovlev: Das stimmt. Diese Leute haben eine Menge zu verlieren, und sie werden nicht so einfach aufgeben. Deshalb herrscht in Russland gerade so etwas wie Stillstand.