Der Wind stürmt über die Irische See an den steinigen Strand des Dorfes Port William, als gäbe es kein Morgen. Die Häuser sehen aus wie aus grauer Pappe und sind geräumig wie die Wohnwagen, die überall zur Miete angeboten werden. Dazwischen stehen Kati Kusché und Ben Daures. Auch im Wohnwagen.

Allerdings ist ihrer von 1973, Vintage also, und zur Küche umgebaut. Seit einem halben Jahr verkaufen die Berlinerin und der Franzose aus Toulon von ihrem Wohnwagen aus drei täglich wechselnde Gerichte. "Streatery 82" lautet der Name ihres Straßenrestaurants. "82" steht für das gemeinsame Geburtsjahr der beiden. "Eat" setzt sich in Pink vom türkisen Rest der Großbuchstaben ab, wie das Mini-Geschäft von seiner Umgebung.

Kuschés und Daures Anspruch ist es, Gourmetessen zum Mitnehmen zu bieten, vor allem in Sachen Fleisch. Auf der Speisekarte gibt es nur "good meat". Gemeint ist damit totes Tier mit vormals glücklichem Leben, also auf der Weide, vergleichsweise stressfreier Schlachtung und langem Aushängen des Kadavers. Auch die Eier, die Milch – die Tierprodukte sind alle "organic", das heißt bio und ethisch produziert.

Dieses Konzept mag dem deutschen Städter geläufig sein. Dem Lowländer mutet es tendenziell außerirdisch bis existenzbedrohend an. 

Massentierhaltung dominiert

Das sanft hügelige Land nahe der englischen Grenze liegt touristisch im Schatten der Highlands. Es gibt Fish ’n Chips, Burger und Stew, viel Meer, viel Wind und grüne Wiesen. Die Menschen leben vor allem von der Landwirtschaft. Und die wird, wie auch in Deutschland, vorwiegend mit Massentierhaltung betrieben. Der Reisende sieht zwar grasende Schafe und Kühe. Jedoch bleiben viele Kälber ihre beschränkte Lebenszeit in Boxen. Schweine und Milchvieh leben in der Regel eng zusammengepfercht im Stall. Geflügel sowieso.

Die Idee vom ethischen Fleisch war deshalb für die meisten Schotten hier, zweieinhalb Stunden südlich von Glasgow, zumindest am Anfang, schwer bis gar nicht verständlich. Viele ihrer Kunden seien industriell arbeitende Bauern, erzählt Kusché. Sie lobten besonders das gute Fleisch der Streatery. "Keine Ahnung, ob sie die Ironie sehen", meint die Berlinerin. Es gibt aber auch Widerspruch. Ein Fleischer aus dem Nachbardorf sei eines Tages mit einem Packen Gehacktem aufgetaucht. "Bestes Fleisch sei dies", nur halt nicht so ein "organic"-Schnick-Schnack. "Nachdem wir es angebraten hatten, verlor es die Hälfte an Volumen und hatte fast keinen Geschmack", sagt Kusché.   

Belehrende Diskussionen liefern sie und ihr Mann sich mit ihren Gästen jedoch nicht. Unter ihrem Logo steht "local, creative, fresh" als Motto. "Organic" findet sich nur auf der Speisekarte neben der Beschreibung der Gerichte.

Ihre Fleischproduzenten haben Kusché und Daures sich sorgsam ausgesucht, denn das Biosiegel garantiert zwar eine bessere, aber nicht in jedem Fall wirklich artgerechte Haltung. Wenn möglich kaufen sie lokal ein. Trotz eines Mangels an "gutem Fleisch" gibt es vereinzelt Landwirte im Kreis, die ihre Ethik teilen. Das Rindfleisch kommt beispielsweise von einem Mann, der allein knapp 200 Tiere hält, sie können das gesamte Jahr auf die Weide. Jede Woche fährt er eines in ein Schlachthaus auf die Insel Mull. Nur das habe seinen Kriterien Stand gehalten, sagt Kusché. Auch Hammel (die Streatery verkauft kein Lamm) oder Schwein des Restaurants stammt aus der Region, nur die Hühner kommen aus Sterling, 80 Kilometer nördlich. Näher haben die beiden keine Freilandhaltung gefunden.

Auf Fleisch zu verzichten, sei bewusst nicht ihr Weg gewesen, erklärt Daures nach Feierabend im schottischen Cottage beim südfranzösischen Aperitif. "Vegetarier verändern die Lebensbedingungen der Tiere nicht", sagt er. Nicht nur kauften viele Vegetarier weiterhin billige Milch- oder Eierprodukte von Tieren aus Massenhaltung ein. "Viel besser für die Tiere ist es doch die Nachfrage nach ethischer Tierhaltung erhöhen", findet er. "Genau das ist es, was wir mit gutem Essen machen wollen."