Was hat eigentlich die Eurokrise verursacht? Aus deutscher Sicht ist die Antwort eindeutig: Eine verfehlte, zu wenig auf Reformen setzende Wirtschaftspolitik in den Krisenstaaten. Die deutsche Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre wird dagegen oft als vorbildlich dargestellt. Auch deshalb wird den "Problemländern" geraten, sich am deutschen Modell zu orientieren. Und das wird häufig mit der Agenda 2010 gleichgesetzt.

Aber ist die derzeitige Stärke der deutsche Wirtschaft wirklich auf die Reformen von Gerhard Schröder zurückzuführen? Lässt sich etwa der Erfolg von BMW damit erklären, dass Langzeitarbeitslose seit der Hartz-IV-Reform den strikten Bestimmungen des Arbeitslosengelds II unterliegen? Wohl kaum.

Vielmehr ist Deutschland besonders von Familienunternehmen geprägt, die nicht dem Druck der internationalen Finanzmärkte unterliegen. Das ermöglicht eine nachhaltig ausgerichtete Produkt- und Investitionspolitik, die sich auf Dauer mehr lohnt als ein kurzatmiger Aktionismus, der allenfalls vorübergehend hohe Renditen verspricht.

Diese fundamentale Stärke ist in der deutschen Debatte in den Jahren 2000 bis 2005 völlig aus dem Blick geraten. Der unsinnige Diskurs über den "kranken Mann Europas" hat verdeckt, dass Deutschland durch die Einheit einen unvermeidlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit und entsprechende Belastungen der sozialen Sicherungssysteme verkraften musste. Im Kern war die deutsche Wirtschaft damals so robust, dass sie diese extreme Belastung mit einer nur geringen Wachstumsverlangsamung bewältigen konnte. Die Stärke der deutschen Wirtschaft ist somit nicht auf die Reformen der Schröder-Regierung zurückzuführen. Sie war schon immer da und nur zeitweise durch die Kosten der Einheit verdeckt. Jetzt ist jetzt wieder allgemein sichtbar.

Die Agenda wird überschätzt

Wie sehr die Agenda 2010 überschätzt wird, lässt sich daran sehen, dass der deutsche Arbeitsmarkt im internationalen Vergleich auch heute noch alles andere als flexibel ist. So stellte der Sachverständigenrat für Wirtschaft im Jahresgutachten 2013/14 fest, dass er "weiterhin mit zu den am stärksten regulierten der Welt" zählt. Eine ähnliche Einschätzung findet sich in der Analyse von Christian Dustmann und anderen Ökonomen: "(…) the Hartz reforms (…) were not central or essential in the process of improving the competitiveness of German industry."

In der Analyse der Ökonomen wird zu Recht auf die Lohnzurückhaltung in den Jahren 2000 bis 2007 verwiesen. In dieser Phase verminderte sich der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen von 72 auf 63 Prozent. Die Nettolöhne der Arbeitnehmer gingen preisbereinigt um rund zwei Prozent zurück. Nach 2007 hat sich die Lohnzurückhaltung jedoch nicht fortgesetzt. Die Lohnquote ist vielmehr wieder gestiegen und lag im vergangenen Jahr bei 67 Prozent. Der Rückgang der Reallöhne kann deshalb nicht mit den Hartz-IV Reformen in Verbindung gebracht werden, die erst im Januar 2005 in Kraft getreten sind.

Die Lohnzurückhaltung hat zweifellos zu einer Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands beigetragen. Die Kehrseite der Medaille war jedoch eine über Jahre hinweg stagnierende Binnennachfrage, die in dieser Phase so – mit Ausnahme Japans – in keinem OECD-Land zu beobachten gewesen ist. Für die deutsche Wirtschaft führte dies zunächst zu einer über vier Jahre anhaltenden Stagnation und zu einem deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Erst ganz allmählich kam es durch die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit zu einem Exportboom, der die schwache Binnenkonjunktur überkompensierte. In Westdeutschland ist dabei die Arbeitslosigkeit, die im März 2005 ihren bisherigen Höchststand von 3,332 Millionen registrierten Arbeitslosen erreichte, aktuell mit 2,074 Millionen kaum geringer als zu Ende 2000 mit 2,283 Millionen. Ein wesentlicher Teil des Erfolges bestand also darin, die zuvor durch die Lohnzurückhaltung entstandene Arbeitslosigkeit wieder abzubauen.