Wenn man sich das Timing ansieht, möchte man meinen, die EU will Großbritannien so schnell wie möglich loswerden: Knall auf Fall präsentiert die Kommission Premier David Cameron eine Nachzahlung über 2,1 Milliarden Euro. Das sind 20 Prozent mehr als die bislang entrichtete Beitragszahlung. Begründung: Eine Neukalkulation von Mehrwertsteuerzahlungen, Nationaleinkommen und für die EU eingetriebener Außenhandelszoll ergaben, dass das Königreich wirtschaftlich stärker ist, als es zuvor angenommen wurde.

Ein Aufschrei geht durch das Land, die EU "bestrafe" die Briten dafür, dass sie als einzige große Nation Europas die Krise überwunden und ein sattes Wirtschaftswachstum zu verzeichnen hätten, während Frankreich, das sich um Reformen und eine radikale Überholung seines verkrusteten Systems drücke, eine Milliarde aus der EU-Kasse – das heißt: "von uns"– zugeschustert bekomme.

Selbst James Naughty, der sonst peinlichst unparteiische Moderator des einflussreichen BBC-Morgenprogramms Today, vermochte seine Entrüstung nicht zu verbergen. Seine Interviewpartner vom linken und rechten politischen Spektrum drängten David Cameron, die zum 1. Dezember fällige Zahlung schlicht zu verweigern und dem Unterhaus ein Gesetz vorzulegen, welches die Nachzahlung für illegal erkläre.

Zu dumm nur: John Majors Kabinett stimmte 1995 der Formel zu, nach der die jetzt geforderten Zahlungen errechnet wurden – und Camerons Regierung steuerte das notwendige Zahlenmaterial bei.

Die feinjustierten Rechnungen, daran hat seit 1995 niemand gerüttelt, zeichnen ein genaueres Bild der Wirtschaftsleistung jedes EU-Landes. Man kann also mit gutem Grund darauf bestehen, dass die Nachzahlung recht und billig ist, die sich bei einer Rechnungsprüfung ergeben hat. Und das Londoner Schatzamt muss im Bilde gewesen sein, wollte aber offenbar nicht in die Schusslinie geraten. Denn die Höhe der Nachzahlung – die ist tatsächlich ein Hammer. 

Wut auf die EU

Und so ist der Finanzausgleich zum Politikum Nummer eins avanciert und beschert der UK Independence Party (Ukip) Zulauf.  Ukips Parteichef Nigel Farage jubelt. Natürlich nicht offen, sondern in gepflegter "Ich hab’s ja schon immer gesagt"-Attitüde. Natürlich werde Cameron zahlen, verkündete er in gespielt staatsmännischer Weisheit: "Das sind die Regeln, die Beiträge werden nach einer hoch komplizierten Formel berechnet und vergleichen unser Wirtschaftsaufkommen mit dem der anderen Mitgliedsländer. Daran kann Cameron nichts ändern." 

Das stimmt. Da braucht Farage gar nicht mehr hinzuzufügen, was jeder denken soll: "Wir sind den Brüsseler Bürokraten ausgeliefert. Wir haben unsere Unabhängigkeit verloren. Unsere einzige Alternative besteht darin, der EU den Rücken zu kehren." Immer mehr Briten denken so. Am Ukip-nahen Rand der konservativen Partei rumort es wie zu John Majors Zeiten. Cameron, tönt es von dort, solle sein für 2017 versprochenes Referendum über einen Verbleib in der Union vorziehen, ohne Verhandlungen über Reformen abzuwarten.

Cameron sucht unterdessen nach einem Ausweg aus der Zwickmühle. Die Regierungschefs der EU haben ihm eine Krisensitzung der Finanzminister zugesagt. Dort soll darüber geredet werden, inwieweit die Zahlen der Eurostatistiker vorläufig oder endgültig sind. Mehr als eine Atempause wird das dem Premier nicht verschaffen. Die Bombe ist eingeschlagen. Wenn die EU so weitermacht, wird die britische Abwendung von Europa zum Selbstläufer.