Der US-Bundesstaat Kansas sollte ein konservatives Utopia werden. Stattdessen droht den verantwortlichen Tea-Party-Rebellen bei den bevorstehenden Kongresswahlen ein Debakel. Die Misere in Kansas könnte die Republikaner möglicherweise sogar einen der Senatorensitze kosten, die sie so dringend brauchen, um die langersehnte Mehrheit in der entscheidenden Kammer zu bekommen.

Begonnen hat alles vor vier Jahren mit großen Ankündigungen. Damals wurde Sam Brownback mit einer satten Mehrheit von 63 Prozent und einem Vorsprung von 30 Prozentpunkten vor seinem Herausforderer zum Gouverneur des Präriestaates im Herzen Amerikas gewählt. Sein Ziel: ein Vorbild für libertäre Wirtschaftspolitik zu schaffen – einen Modellstaat, nach Brownbacks Worten, "den Konservative vorzeigen können und sagen: Schaut her, wir gehen einen anderen Weg und sind erfolgreich". Kansas sei ein "lebendes Experiment" für die These, dass niedrige Steuern und ein minimaler Staat für Wachstum und Wohlstand sorgen, so Brownback.

Kansas bot sich für ein solches Experiment an. Der Bundesstaat, der sich der "Sonnenblumenstaat" nennt, lebt von der Landwirtschaft: Wo einst Büffel auf der weiten Prärie grasten, erstrecken sich heute Felder mit Mais und Weizen. Mit nur drei Millionen Einwohnern ist der Bundesstaat dünn besiedelt. Ansonsten ist er für seine Tornados bekannt und dafür, der Schauplatz des Zauberers von Oz zu sein – 1939 wurde Judy Garland im gleichnamigen Hollywood-Streifen weltbekannt. Von den Küstenbewohnern oft als Flyover State verspottet, gehört Kansas fest zum traditionell konservativen mittleren Westen.

Die Heimat der Koch-Brüder

Kansas bot sich aber auch aus einem anderen Grund an: Es ist die Heimat der Koch-Brüder, jene erzkonservativen Milliardäre, die mit ihren großzügigen Wahlkampfspenden ihre politischen Vorstellungen durchzudrücken versuchen. Sie gelten als Hauptsponsoren der Tea Party. Das Hauptquartier von Koch Industries befindet sich in Wichita, der größten Stadt des Bundesstaates.

Koch Industries gehört auch zu den größten Unterstützern von Brownback. Der 58-Jährige ist ein Politiker nach dem Geschmack der Kochs. Der Sohn eines Schweinefarmers aus dem Osten von Kansas studierte Jura und ging dann früh in die Politik. Er machte sich einen Namen mit extrem konservativen Ansichten und schaffte es, in den Senat nach Washington gewählt zu werden. Er sei "Gottes Senator", schrieb das Magazin Rolling Stone in einem Porträt 2006. Seinen Sitz im Rechtsausschuss des Senats nutze Brownback "als Plattform für einen Krieg gegen die Homo-Ehe, Pornografie und Abtreibung", hieß es in dem Artikel. Doch Brownbacks große Chance kam erst mit der Rezession und der globalen Krise. Wirtschaft war das Thema, das die Wähler mehr aufwühlte als die sozialen Themen, die bis dahin sein politisches Markenzeichen waren.

Im Wahlkampf 2010 ließ er keine Gelegenheit aus, sich als der Anti-Obama zu positionieren. Die Tea-Party-Welle bei den damaligen Kongresswahlen trug nicht nur Brownback ins Amt, sondern auch Scott Walker, der als Gouverneur in Wisconsin für die öffentlichen Angestellten das Recht auf Tarifverhandlungen einschränkte. Auch in Michigan, Georgia, Maine und Florida gewann die Tea Party. Doch keiner der Kandidaten war so radikal wie Brownback.