Polternd quält sich der Lastenaufzug nach oben. Die Sommersonne hüllt die Wolkenkratzer Manhattans in flimmernden Dunst, doch den emsig über ihre Beete gebeugten Gärtnern auf dem Dach eines zwölfgeschossigen Lagerhauses in Brooklyn fehlt die Zeit, die imposante Aussicht zu genießen. Sie jäten Unkraut, ernten Blüten und Salat, auf den die umliegenden Restaurants warten.

An die ursprüngliche Nutzung des in die Jahre gekommenen Lagerhauses in Brooklyn erinnert nur noch der Name: Navy Yard. Die Marine zog aus, Start-ups und Agenturen belegen seither die Räume. 2012 hatten drei Enthusiasten die Idee, auf dem Flachdach Gemüse anzubauen. Jetzt sprießen dort Radieschen und Karotten, ranken essbare Blüten und Salat wächst in schnurgeraden Reihen. Um die bunt bemalten Bienenstöcke summt es, in einem kleinen Gewächshaus schieben Keimlinge zarte Blätter durch die Erde. Sogar für ein paar Hühner fand sich in einer Ecke des Daches noch ein Plätzchen.

"Urbane Landschaft und regional produzierte Lebensmittel sind Themen, die für den Handel sehr wichtig sind", sagt Volkmar Keuter, Leiter des Fraunhofer inHaus-Zentrums in Duisburg. Das Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (Umsicht) in Oberhausen erforscht seit 2012 im Projekt inFarming, ob und wie sich Gemüse auf Dächern züchten lässt. "Die Idee zum Forschungsprojekt kam aus den USA, anfangs fanden wir das etwas abgedreht", gibt Keuter zu. Doch schnell war die Neugier der Wissenschaftler geweckt. Die Ingenieure entwickelten eine Anbaumethode, bei der die Pflanzen ganz ohne Erde auskommen und mit einem ausgeklügelten Leitungssystem mit Wasser und Nährstoffen in Gewächshäusern wachsen.

Schnell merkten die Wissenschaftler, dass sich damit auch andere Forschungsthemen rund um die Gebäudetechnik verknüpfen lassen. Sie entwickeln beispielsweise geschlossene Kreisläufe mit Filtersystemen für Brauchwasser, auch die Abwärme von Immobilien lässt sich für die Gewächshäuser nutzen.

Fruchtbare Ackerflächen sind weltweit begehrt

Fruchtbare Ackerflächen und Wasser sind rare und begehrte Ressourcen, die weltweit immer knapper werden. Um die Weltbevölkerung zu ernähren, ist eine Anbaufläche von der Größe Südamerikas notwendig und etwa 70 Prozent des verfügbaren Trinkwassers nötig. Deshalb klingen die Vorteile der neuen Anbauflächen auf Gebäudedächern verlockend: Weite Transportwege für einen Teil der Lebensmittel entfallen, alte, in Vergessenheit geratene Gemüsesorten, die sich nur für eine begrenzte Zeit lagern lassen, finden wieder zurück auf den Tisch.

"Die technischen Möglichkeiten sind da, schon ab 1.000 Quadratmetern Dachfläche lässt sich das System wirtschaftlich betreiben", sagt Keuter. Eine 2012 angefertigte Machbarkeitsstudie bescheinigte der Idee viel Potenzial, geeignete Dächer gäbe es hierzulande auch, doch außer ein paar Versuchsprojekten verstauben die Ideen in den Schubladen der Wissenschaftler. "Es gibt Interessenten, doch bisher hat sich noch niemand getraut, in eine Demonstration des Gesamtsystems zu investieren."