Es kommt nicht oft vor, dass ein Hochhaus schon vor seiner Fertigstellung in Gedichten verewigt wird. Doch als Richard Blanco bei Barack Obamas zweiter Amtseinführung am 21. Januar 2013 vor Millionen Fernsehzuschauern in seinem Gedicht One Today den amerikanischen Geist beschwor, kam er um den Freedom Tower nicht herum. "Dankt unserer Hände Arbeit: Sie webt Stahl in Brücken", heißt es in der siebten Strophe. "Oder das letzte Stockwerk im Freedom Tower, in einen Himmel ragend, der unserer Widerstandsfähigkeit nachgibt."

Für Blanco und viele seiner Landsleute ist der Freedom Tower, inzwischen in One World Trade Center umbenannt, kein normales Hochhaus. Nicht nur, weil es mit 541 Metern Höhe der höchste Turm in der westlichen Hemisphäre ist und das mit Abstand teuerste und vermutlich das sicherste Gebäude der Welt. Es ist vor allem schon jetzt ein nationales Heiligtum, ebenso bedeutend wie die Freiheitsstatue oder die riesigen Skulpturen des Mount Rushmore. One World Trade Center ist ein Symbol dafür, dass sich die USA von nichts und niemandem unterkriegen lassen.

Als die Attentäter am 11. September 2001 das alte World Trade Center in Schutt und Asche legten und dabei fast 3.000 Menschen ermordeten, traumatisierten sie ein ganzes Land. Die Grube am Südzipfel Manhattans wurde eine offene Wunde im Bewusstsein der Amerikaner. One World Trade Center soll diese Wunde endlich schließen. Ein Gebäude soll schaffen, was den US-Kriegen in Afghanistan und Irak nicht gelang: ein Triumph über den Terrorismus.

Anfang November zieht jetzt zumindest der Hauptmieter ein: der Verlag Condé Nast. Er belegt rund ein Drittel der gesamten Büroflächen. Einen Termin für die große Eröffnungsfeier gibt es bislang nicht. Zum Feiern ist in New York auch niemandem zumute. "Es sind einfach zu viele negative Gefühle mit diesem Ort verbunden", sagt eine New Yorkerin. "Es kommt mir vor, als wäre es erst gestern gewesen." Wie nahezu jeder New Yorker kannte sie Menschen, die am 11. September starben.

Ein anderer Grund, warum viele New Yorker One World Trade Center mit gemischten Gefühlen betrachten, ist die lange und kontroverse Geschichte des Projekts. Dreizehn Jahre vergingen zwischen der Zerstörung des alten World Trade Center und der Vollendung des neuen. In der Zwischenzeit wurde das Hochhaus immer teurer und sein Design immer biederer. Viel von der anfänglichen Begeisterung über das Projekt ist längst verflogen.

Viel Streit um den Libeskind-Entwurf

Nur wenige Wochen nach dem Terroranschlag schuf New Yorks Gouverneur George Pataki eine Behörde namens Lower Manhattan Development Corporation (LMDC) mit dem Auftrag, einen Plan für ein neues World Trade Center zu verfassen. Die Behörde rief einen Designwettbewerb aus. Am Ende fiel die Entscheidung zwischen zwei Vorschlägen.

Daniel Libeskinds Entwurf sah den Bau von fünf Hochhäusern vor. Das höchste, von Pataki Freedom Tower (Freiheitsturm) getauft, sollte die symbolische Höhe von 1.776 Fuß (541 Meter) erreichen – 1776 war das Jahr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Der mutigere Vorschlag kam von einem Team um die Architekten Rafael Vinoly, Shigeru Ban und Frederic Schwartz. Sie schlugen zwei gigantische Strukturen aus Stahlgitter vor, in denen ein Museum, ein Konferenzzentrum und ein Theater hängen sollten.

Pataki entschied sich für Libeskinds Vorschlag. Doch bald blieb von dem ursprünglichen Design nicht mehr viel übrig. Wie so oft bei großen Bauprojekten störten sich viele am Aussehen des Freedom Tower. Der Immobilienmogul Donald Trump nannte den Entwurf im Jahr 2005 einen "Haufen Müll" und sagte: "Wenn wir dieses Projekt so bauen, wie es ist, dann haben die Terroristen gewonnen."