Pro: Piloten und Lokführer verdienen Unterstützung.

Ohne Zweifel: Die Streiks nerven. Tausende Bahnfahrer dürften sich am Wochenende mächtig geärgert haben. Sie saßen fest oder wurden in überfüllte Busse oder auf verstopfte Autobahnen gezwungen, weil die Lokführergewerkschaft GDL zum Ausstand aufgerufen hatte – und das auch noch mitten in den Herbstferien. Flugreisenden ging es zu Beginn der Woche ähnlich, denn die Pilotenvereinigung Cockpit hatte ihre Mitglieder ebenfalls zum wiederholten Mal in den Streik beordert.

Dürfen kleine, aber machtvolle Berufsverbände auf dem Rücken der Allgemeinheit für ihre Sonderinteressen kämpfen, lautet nun die populistische Klage, die ihnen entgegenhalten wird.

Ja, sie dürfen! Schließlich kann heute jeder seine individuellen Ansichten und Interessen verfolgen, selbst wenn er anderen ins Gehege kommt. Warum soll das nicht auch für Gewerkschaften gelten?

Lange bildeten die Unternehmen die letzte Bastion der alten bundesrepublikanischen Ordnung. Während sich die Parteienlandschaft immer mehr aufgefächert hat, Kirchen und andere Traditionsverbände beständig Mitglieder verlieren und gesellschaftlich heute unterschiedliche Lebens- und Familienformen akzeptiert werden, galt in der Arbeitswelt bis vor Kurzem immer noch die eiserne Regel: ein Betrieb, eine Gewerkschaft.

Das sicherte den Arbeitgebern über Jahrzehnte Ruhe vor wilden Streiks und meist maßvolle Tarifabschlüsse, und bescherte den großen Gewerkschaften schöne Posten in den Aufsichtsräten und manchmal auch Vorständen. Aber es war nicht unbedingt im Interesse der Arbeitnehmer, und es entspricht auch nicht mehr der gewandelten Realität in den Betrieben.

Kein Gewerkschaftsmonopol mehr

Denn die früheren Einheitsgewerkschaften des DGB haben längst ihr Monopol verloren. In vielen Branchen vertreten sie nur noch eine Minderheit der Beschäftigten. Von denen, die gar keine reguläre Stelle mehr finden, zu schweigen. IG Metall und ver.di haben sich derweil zu Mammutorganisationen fusioniert, in denen vor allem die Masse, aber nicht der Einzelne zählt. Zumindest die GDL, die darauf pocht, eigene Tarifabschlüsse nicht nur für die Lokführer, sondern auch für andere Bahnmitarbeiter durchsetzen zu können, erhält deshalb viel Sympathie aus der Bevölkerung. 

Bei den streikenden Piloten und bei Krankenhausärzten ist die öffentliche Unterstützung deutlich geringer. Schließlich gelten beide als gut verdienende, privilegierte Berufsgruppen. Auch wenn das nur begrenzt stimmt.

Die Fragen der Tarifvielfalt, der Koalitionsfreiheit und des Streikrechts, um die hier gefochten wird, sind jedoch unabhängig davon, um welche Berufe und Verbände es geht. Sicher haben Piloten, Ärzte und Lokführer ein stärkeres Druckpotenzial als andere Beschäftigte. Aber ihre Interessen sind deshalb nicht weniger legitim.

Es wäre vielmehr verrückt, wenn ausgerechnet die "linke" SPD-Arbeitsministerin Andreas Nahles den kleinen Gewerkschaften nun das heiligste Recht nehmen will, das sich die Arbeiterbewegung erkämpft hat: das Streikrecht. Nur weil die Arbeitgeberverbände das (verständlicherweise) möchten, und sich der DGB dem angeschlossen hat. Beiden ist daran gelegen, die kleinen Konkurrenzverbände herauszuhalten.

Pluralität schafft aber nicht nur in der Gesellschaft und im Wirtschaftsleben mehr Freiheit, sondern auch in den Betrieben. So wie Kunden heute zwischen verschiedenen Strom- und Telekomanbietern wählen können, so könnten sich Beschäftigte in Zukunft jeweils der Gewerkschaft anschließen, die ihre Interessen am besten und kämpferischsten vertritt.

Von Ludwig Greven