Die Deutschen sind faul. Im internationalen Vergleich sogar sehr faul – zumindest dann, wenn es um das Streiken geht. Zwischen 2005 und 2012 fielen im Durchschnitt nur vier Arbeitstage pro 1.000 Beschäftigte aus. In Frankreich waren es 150. Der Statistik steht die öffentliche Meinung über Streiks in Deutschland entgegen. Streiken Lokführer oder Piloten, heißt es oft nur: "Schon wieder?!?"

In der Tat beeindrucken die Zahlen. Im jüngsten Streik der Pilotenvereinigung Cockpit sind 1.400 Lufthansa-Flüge ausgefallen, 150.000 Passagiere blieben am Boden und mussten auf ihren Flug verzichten und auf den Schienenverkehr umsteigen. Gut, dass der gerade mal nicht von der Gewerkschaft deutscher Lokomotivführer (GDL) bestreikt wurde. Erst im November hatten die Lokführer für bessere Arbeitsbedingungen gekämpft und innerhalb von fünf Tagen einen Schaden von 100 Millionen Euro für die Deutsche Bahn verursacht.

Und was macht der Rest von Deutschlands Arbeitnehmern? Trauen sie sich nicht, in den Ausstand zu treten?

Zunächst einmal: Anders als in Frankreich ist in Deutschland das Streikrecht kein Individual-, sondern ein Kollektivrecht. Das heißt, dass Streiks von einer Gewerkschaft beschlossen und getragen werden. "Das geschieht im Regelfall per Urabstimmung, zu der alle betroffenen Gewerkschaftsmitglieder geladen sind", erklärt Rechtsanwalt Jochen Strössner, Spezialist, unter anderem für Arbeitsrecht. Sprechen sich, wie in den Satzungen niedergeschrieben, mindestens 75 Prozent der Mitglieder für eine Arbeitsniederlegung aus, dann besteht eine streikfähige, qualifizierte Mehrheit. Arbeitskämpfe sind nicht ohne Weiteres erlaubt: Streiken dürfen die Arbeitnehmer nur für Tarifforderungen – sonst greift die Friedenspflicht.

Bis zu 99 Tage Streik – aber wenig Außenwirkung

Dass Streiks nicht immer in der Öffentlichkeit so stark wahrgenommen werden wie der der Lokführer, hängt maßgeblich vom betroffenen Wirtschaftszweig ab. Das zeigt ein Beispiel aus dem vergangenen Jahr. Bis zu 99 Tage legten Beschäftigte im Einzelhandel die Arbeit nieder – doch nur wenige nahmen wirklich Notiz davon. Dabei erreichten die Streikenden viel: Der von Arbeitgeberseite zunächst gekündigte Manteltarifvertrag wurde wieder in Kraft gesetzt und der Lohn um 5,1 Prozent in zwei zeitlich versetzten Stufen erhöht. Zum Vergleich: Die GDL verlangte im November unter anderem fünf Prozent mehr Geld, und zwei Stunden weniger Arbeit. Ähnliche Bedingungen also. Eigentlich.

Den Lokführern aber schlug eine Welle Antipathie entgegen. Warum ist das so? "In den vergangenen Jahren hat die Anzahl der Streiks im Dienstleistungssektor zugenommen, und das merken die Menschen", sagt Torsten Bewernitz, Streikforscher an der Universität Mannheim. Das zeigen auch Daten des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

"Lokführer und Piloten haben bei der Ausübung ihrer Dienstleistung direkten und aktiven Kundenkontakt", ergänzt Bewernitz. "Sie wissen um ihre Streikmacht gegenüber den Unternehmen, frei nach der Parole 'Ohne uns geht nichts!'."