Detlev Karsten Rohwedder hatte den wohl schwierigsten Job übernommen, den die deutsche Wirtschaft jemals zu bieten hatte. Am 1. Januar 1991 trat der ehemalige Vorstandsvorsitzende des Stahlunternehmens Hoesch sein Amt als Chef der Treuhandanstalt an. Keine andere Institution stand in der Geschichte der Bundesrepublik so massiv in der öffentlichen Kritik wie sie.

Und keine hatte wohl je eine so gigantische Aufgabe zu erledigen. Die Anfang 1990 gegründete Behörde sollte binnen weniger Jahre eine ehemals sozialistische Planwirtschaft in eine demokratische Marktwirtschaft umwandeln – und wurde schon bald für alles, was in der einstigen DDR wirtschaftlich schieflief, verantwortlich gemacht. "Wir sind zum Watschenmann der Nation geworden", konstatierte Rohwedder ohne Larmoyanz.

Mitte 1990 war die Treuhandanstalt Eigentümerin oder Verwalterin von rund 8.000 volkseigenen Unternehmen, deren Zahl sich zwischenzeitlich durch Teilung stark vermehrte. Hinzu kamen 17,2 Milliarden Quadratmeter Agrarflächen, 19,6 Milliarden Quadratmeter Forstflächen und 25 Milliarden Quadratmeter Immobilien. Zudem hatte die Behörde etwa 40.000 Einzelhandelsgeschäfte und Gaststätten, einige tausend Buchhandlungen, Hunderte Kinos und Hotels sowie einige tausend Apotheken im Portfolio. Sie war Arbeitgeber von schätzungsweise vier Millionen Menschen – mehr als zwei Drittel aller Erwerbstätigen östlich von Werra und Elbe. Weltweit gab es keine größere Industrieholding.

Die Existenz der meisten Menschen in Ostdeutschland hing von der Treuhandanstalt ab. Allerdings machte das Gesetz der Behörde Vorgaben. Sie solle "die unternehmerische Tätigkeit des Staates durch Privatisierung so rasch und so weit wie möglich zurückführen", hieß es. Überlebensfähige Unternehmen, die keinen Käufer fanden, sollten saniert und erst einmal im Bestand gehalten werden. Eine Dauerlösung war das aber nicht. Über kurz oder lang drohte auch diesen Firmen die Abwicklung, ebenso wie den nicht sanierungsfähigen Betrieben.

Überforderte Treuhand-Mitarbeiter

Das Problem war gewaltig. Kaum einer der Volkseigenen Betriebe (VEB), die durchweg schwer von vierzig Jahren sozialistischer Misswirtschaft gezeichnet waren, konnte aus eigener Kraft die Folgen der deutsch-deutschen Währungsunion verkraften. Der Aufwertungsschock infolge der D-Mark-Einführung und der rasante Anstieg der Löhne und Gehälter legten ihre Schwächen schonungslos offen: Die Ostbetriebe waren nicht einmal halb so produktiv wie ihre westdeutschen Wettbewerber. Sie produzierten mit viel höheren Kosten und verfügten größtenteils nicht über marktfähige Produkte.

Dies bedeutete freilich nicht, dass es keine werthaltigen Unternehmen gab. Die vermeintlichen Filetstücke der ostdeutschen Wirtschaft – beispielsweise die Interhotel-Kette, die Stromwirtschaft oder die ehemaligen SED-Bezirkszeitungen – lockten scharenweise Interessenten aus Westdeutschland an. Auch weniger prominente und kleinere Firmen waren begehrt. Ein Grund war, dass die Treuhandanstalt die Unternehmen vielfach mit einer großzügigen finanziellen Mitgift ausstattete. Als Gegenleistung wurden den Investoren Arbeitsplatzgarantien abverlangt.

Die Atmosphäre war von Goldgräberstimmung geprägt – die Treuhandanstalt aber, die eine ganze Volkswirtschaft privatisieren sollte, stand lange Zeit auf verlorenem Posten. Noch von der Wende-Regierung des SED-Funktionärs Hans Modrow gegründet, bestand die Behörde anfangs aus einem kleinen Team überforderter Apparatschiks, wovon – wie sich später herausstellte – viele eine Stasi-Vergangenheit hatten. Erfahrung mit marktwirtschaftlichen Unternehmen hatten sie nicht. Weder wussten sie, wie man eine Bilanz erstellt und analysiert, noch war ihnen klar, wie man Unternehmen bewertet, verkauft oder gar so umstrukturiert, dass sie der westlichen Konkurrenz standhalten konnten. Die Manager in den ehemaligen VEB verfügten ebenfalls nicht über entsprechende Kompetenzen.

"Wir suchen Leute, die in Lage sind, ein solches Ungeheuer zu reiten", erklärte Detlev Karsten Rohwedder Ende Juli 1990, kurz nach seiner Berufung zum Treuhandpräsidenten. Es war ein Hilferuf.