Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die Treuhandanstalt schnell massiv in die öffentliche Kritik geriet, die erst recht nicht endete, nachdem westdeutsche Hilfstruppen in mehrfacher Bataillonsstärke angeworben worden waren. Noch heute gilt die Treuhandanstalt vielen Bürgern der neuen Länder, die sich erinnern können, als Hort kalter Kapitalisten aus dem Westen, die strikt nach betriebswirtschaftlichen Regeln über die Existenz von Unternehmen und Arbeitsplätzen entschieden und dabei die Industrie der ehemaligen DDR plattmachten.

Aus allen politischen Lagern kam vehemente Kritik. Die Ministerpräsidenten der neuen Länder begleiteten die Arbeit der Behörde wortgewaltig und versuchten mit ihrer öffentlichen Missbilligung nicht selten, ihre eigenen politischen Versäumnisse zu verschleiern. Heiner Geißler, vormals CDU-Generalsekretär, warf Treuhand-Präsident Rohwedder im Herbst 1990 "Versagen und Unfähigkeit" vor. Am Ostermontag, dem 1. April 1991, wurde Rohwedder in seinem Haus in Düsseldorf heimtückisch von Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) erschossen.

Es wäre unfair und ungerecht, zwischen der massiven Kritik an der Treuhandanstalt und dem Mord an Rohwedder einen kausalen Zusammenhang zu konstruieren. Klar ist aber, dass der Treuhandchef perfekt in das abstruse Feindbild der Terroristen passte.

Betrügerische Investoren

Auch unter Rohwedders Nachfolgerin Birgit Breuel endeten die Klagen über die Arbeit der Treuhand nicht – und in vielen Einzelfällen war die Kritik berechtigt. Mitte 1993 häuften sich die Skandale. Binnen kürzester Frist flogen damals zahlreiche betrügerische Investoren auf, die die aufgekauften Unternehmen im großen Stil ausgeplündert hatten. Zum Teil arbeiteten diese sogenannten Geschäftsleute mit den Treuhand-Privatisierern Hand in Hand. Dem Ansehen der Treuhand schadeten die Betrugsfälle erheblich.

Ein Massenphänomen war die Treuhand-Kriminalität aber nie. Weitreichender waren andere Mängel im Privatisierungsalltag. So gab die Treuhand immer wieder vor, beim Unternehmensverkauf nach klaren Regelmechanismen zu entscheiden. Tatsächlich lief die Privatisierung aber mit einer zum Teil erschreckenden Zufälligkeit ab. Eine effizient arbeitende Privatisierungsagentur, in der nach transparenten Kriterien entschieden wird, war die Treuhandanstalt nie. Angesichts des Zeitdrucks, unter dem sie agierte, konnte sie das auch nicht sein.

Im Januar 1995 wurde die Treuhandanstalt in Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS) umbenannt und in weitere Nachfolgegesellschaften aufgespalten. Schon vorher hatte ein Untersuchungsausschuss des Bundestages versucht, sich ein fundiertes Urteil über die Leistung der Breuel-Behörde, wie die Treuhandanstalt genannt wurde, zu bilden. Am Ende gingen die Meinungen von Opposition ("verheerende Ergebnisse") und der schwarz-gelben Regierungsparteien ("Aufgabe erfolgreich erfüllt") weit auseinander.

Uneingeschränkt positiv bewertete der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung die Arbeit der Anstalt: "Der Treuhandanstalt ist es in erster Linie zu verdanken, dass das Bild der Wirtschaft in den neuen Bundesländern heute nicht aus notleidenden und nur durch ständige Finanzspritzen am Leben gehaltenen Staatsbetrieben geprägt wird, sondern von selbständigen Unternehmen, die beharrlich und zunehmend auch mit Erfolg auf die Festigung ihrer Marktposition hinarbeiten", lobten die fünf Wirtschaftsweisen in ihrem Jahresgutachten 1994.

Betriebe erhalten, Arbeitsplätze zerstört

Tatsächlich war die Ende 1994 von der Treuhandanstalt vorgelegte Verkaufsbilanz beeindruckend: etwa 14.000 privatisierte Unternehmen und Betriebsteile, 22.000 Gaststätten, Hotels und Ladengeschäfte. Nur noch etwa 140 Firmen waren noch im Angebot. Auch die Filetstücke der Ostwirtschaft hatten neue Eigentümer. Die 15 ehemaligen SED-Bezirkszeitungen gingen an verschiedene westdeutsche Verlage. Die Interhotel AG wurde an die Westberliner Klingbeil-Gruppe verkauft und nach deren Insolvenz zunächst von einem Bankenkonsortium unter Führung der Deutschen Bank weitergeführt. Bei der Stromwirtschaft kamen westdeutsche Energiekonzerne und kommunale Stadtwerke zum Zuge.   

Die Arbeitsplatzbilanz der Privatisierer hingegen mutet wenig imposant an. Von den vier Millionen Stellen in Treuhand-Unternehmen waren Ende 1994 allenfalls eineinhalb Millionen übriggeblieben: rund eine Million in privatisierten Firmen und gut 400.000 in separat verkauften Betriebsteilen, von der ehemaligen Maurerbrigade bis zum Kinderhort.

Über die tatsächliche Leistung der Treuhandanstalt sagt die auf den ersten Blick magere Erfolgsquote aber wenig aus. Angesichts der katastrophalen Ausgangslage der meisten Betriebe könnte man das Ergebnis ebenso gut als durchaus passabel einstufen. Eindeutige Kriterien, um ihren Erfolg oder Misserfolg zu beurteilen, gibt es nicht. Schließlich hat bis heute hat keine andere Institution je Vergleichbares unternommen.

Auch die finanzielle Bilanz lässt sich nicht objektiv beurteilen. Fest steht nur: Es blieb ein gewaltiger Schuldenberg von damals 230 Milliarden D-Mark. Detlev Karsten Rohwedder war Mitte 1990 noch von ganz anderen Zahlen ausgegangen. Er hatte den Wert des Volkseigentums auf fantastische 600 Milliarden D-Mark geschätzt. Doch das erwies sich als Trugschluss.