Da waren sie wieder: die Geister, die man schon vertrieben glaubte. Notfallpläne, überbuchte Fernbusse, leere Bahnsteige. Ein Streik bei der Bahn, nur wenige Tage nachdem die Lokführergewerkschaft GDL mehr als drei Tage große Teile des deutschen Zugverkehrs lahmlegte? Der Chef der Bahngewerkschaft EVG war ziemlich eindeutig: Die Arbeitnehmervertretung werde für ihre Interessen eintreten. "Notfalls mit einem Arbeitskampf."

Was EVG-Chef Alexander Kirchner am Wochenende ankündigte, war ein kalkulierter Mini-Aufreger, der jedoch vom eigentlichen Kernproblem bei der Bahn ablenkt. Die Drohung bezog sich auf die laufenden Tarifverhandlungen, die am Freitag fortgesetzt werden. Kirchner will nur streiken lassen, wenn die Bahn kein Angebot für die Beschäftigten vorlegt. Es geht um kürzere Arbeitszeiten, bessere Schichtpläne sowie fünf Prozent mehr Lohn – und nicht um die GDL "Wir würden nicht die GDL bestreiken", sagt Kirchner.

Mit den Lokführern traf sich Kirchner am Dienstag zusammen mit Vertretern der Deutschen Bahn. Bei dem Spitzentreffen konnte keine Einigung erzielt werden. Es sei nicht gelungen, sich auf ein Verfahren für künftige gemeinsame Tarifverhandlungen mit beiden Gewerkschaften zu verständigen, teilte die EVG mit. "Wir hatten die Chance, die Spaltung der Belegschaft zu verhindern, das ist am Widerstand der GDL gescheitert", sagte Kirchner nach dem Gespräch.

Die Aufregung über die Streikdrohung verdeckt den Blick auf eine Gewerkschaft, die von einer kleinen und aggressiven Truppe von Lokführern in ein Rückzugsgefecht gezwungen wird. Die EVG hat mehr als 200.000 Mitglieder, sechsmal so viele wie die Lokführergewerkschaft GDL. Doch der Riese ist angeschossen. Der Konkurrent GDL zwingt der EVG einen Kampf auf, in dem es längst nicht mehr um Entgeltforderungen, sondern um Grundsätzliches geht. Um verletzte Gefühle, zum Beispiel.

Der Konflikt um die Vorherrschaft innerhalb der Bahnbelegschaft wird auch deshalb so unerbittlich geführt, weil sich die Männer an der Spitze in jeder Faser fremd sind. Ursächlich dafür ist auch ein Satz von GDL-Chef Claus Weselsky: "Wenn sich zwei Kranke miteinander ins Bett legen und ein Kind zeugen, da kommt von Beginn an was Behindertes raus." So hatte er den Zusammenschluss von Transnet und GDBA zur zur EVG kommentiert. Weselsky wollte provozieren, offenbar witzig sein. Bei der EVG machen sie ihm nicht den Vorwurf, den Vorsitzenden Alexander Kirchner damit direkt treffen zu wollen. Denn Kirchner hatte ein behindertes Kind, das mittlerweile gestorben ist. Es geht um Weselskys Umgang mit dem Zitat, welches seitdem im Gewerkschaftslager irrlichtert und für Unverständnis sorgt. "Er hat versucht, das telefonisch zu klären. Aber er hat die Wirkung bis heute nicht verstanden", sagt Kirchner. "Er hat sich nicht ausreichend entschuldigt."

"Regelrecht aggressiv"

Aber nicht nur an der Spitze rumort es, auch die Mitglieder werden einander immer fremder. Die EVG berichtet, GDL-Lokführer würden beim Treffen mit Kollegen verächtlich wegschauen oder wortlos den Raum verlassen. In den sozialen Medien würden vor allem junge GDLer "Hetzkampagnen" führen. Die Grundhaltung sei "regelrecht aggressiv". Die EVG veröffentlichte Bilder von eigenen Schaukästen, die mit großen Aufklebern unkenntlich gemacht wurden, die normalerweise Hakenkreuz-Schmierereien überdecken. Der Satz "Hier wurde faschistische Propaganda überklebt" ist durchgestrichen. Jetzt steht da: "Hier wurde EVG-Propaganda überklebt." Doch auch die andere Seite ist nicht lammfromm. Es gibt Berichte von EVG-Lokführern, die lieber den Raum verlassen, als sich mit GDL-Kollegen einen Tisch zu teilen.  

"Wenn die GDL mit ihrem aggressiven Vorgehen erfolgreich ist, wird die EVG natürlich gezwungen, nachzuziehen", sagt Hagen Lesch vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. "Eine Gewerkschaft zwingt die andere, die Gangart zu verschärfen."