Es waren Bilder, die man in Deutschland noch nicht gesehen hatte und die um die Welt gingen: Ein Wachmann stellt seinen Fuß auf einen am Boden liegenden Flüchtling, er schaut stolz und streckt seinen Daumen in die Höhe. Aufgenommen wurde das Video von einem anderen Wachmann in der Flüchtlingsunterkunft in Burbach in Nordrhein-Westfalen, vor rund sechs Wochen. Danach debattierte die Republik über den Umgang mit Flüchtlingen, die Politik verschärfte die Vorschriften und entließ die Wachfirma SKI, deren Mitarbeiter für die Schikanen verantwortlich gewesen sein sollen.       

Doch Recherchen von ZEIT ONLINE zeigten schon vor rund zwei Wochen, dass auch die neue Sicherheitsfirma, die nun in Burbach Dienst tut, interne Probleme hat: die Stölting Service Group mit Sitz in Gelsenkirchen. Seit mehr als einem Monat ist die Firma nicht nur in Burbach, sondern auch in Essen, Schöppingen und Neuss in den Flüchtlingsheimen aktiv. Gewerkschaften monierten, dass das Unternehmen oftmals Tarifverträge unterläuft. Mitarbeiter berichteten von einem Betriebsklima der Angst und von einem erheblichen Kostendruck im Unternehmen. Schon damals stellte sich die Frage, ob die Firma geeignet ist, um die Situation in den Flüchtlingsheimen zu beruhigen.

Nun erheben ehemalige Wachleute von Stölting gegenüber ZEIT ONLINE neue Vorwürfe. Sie bestätigen, dass Stölting immer wieder den Tarifvertrag dadurch unterläuft, dass Zuschläge oder auch Stundenlöhne zu wenig abgerechnet werden. Sie berichten auch davon, dass krankgeschriebene Mitarbeiter unter Druck gesetzt werden, schneller zur Arbeit zu kommen.  

Ein früherer Mitarbeiter von Stölting erzählt etwa im Gespräch von den Umständen seiner Entlassung. "Nachdem ich mich am Morgen krankgemeldet hatte, stand bereits um zwei Uhr mittags der Einsatzleiter vor der Tür." Der Vorgesetzte habe anschließend versucht, ihn zur Arbeit zu bewegen. "Der fragte dann: Wie lange bist du denn krank? Ich antwortete: Das muss der Arzt entscheiden. Am Abend kam er wieder und brachte mir die Kündigung persönlich vorbei." Während seiner Zeit habe der Mitarbeiter mehrmals Doppelschichten machen müssen. Der Dienstplan sei "das Papier nicht wert gewesen, auf dem er geschrieben war".

Auch ein anderer Wachmann erzählt von Anrufen an freien Tagen und kurzfristigen Änderungen des Dienstplans. Es sei deshalb kaum möglich, ein normales Familienleben zu führen. Auch trenne sich das Unternehmen oft rigoros von kranken Mitarbeitern: "Wird man krank, wird man einfach aussortiert."

Eine weitere frühere Wachfrau erzählt davon, dass sie als Hundeführerin ein stillgelegtes Bergwerk bewachen sollte. Den Hund sollte sie selbst mitbringen. Zudem habe man ihr nur das Pförtnergehalt gezahlt, das weit weniger war, als ihr laut Tarifvertrag zustand. Später habe man sie dazu zwingen wollen, den Wachdienst für das Haus eines Geschäftsmannes zu übernehmen, bei dem es zuvor zu einem schweren Zwischenfall gekommen war. "Mir erschien das zu gefährlich." Die Vorgesetzten hätten ihr jedoch gedroht und sie beschimpft, damit sie die Aufgabe dennoch annimmt. Am Ende sei ihr gekündigt worden.

Die Gewerkschaft ver.di berichtet, dass sie allein seit Ende August in 14 Fällen das Unternehmen wegen fehlender Stundenlöhne und Zuschläge anschreiben musste. Immer wieder muss die Gewerkschaft durchsetzen, dass das Unternehmen sich an den Tarifvertrag hält und damit an die Bestimmungen in der Branche.

Der Betreiber sieht "keine Probleme"

Stölting weist die Vorwürfe zurück. Es handele sich bei den von der Gewerkschaft beanstandeten Fällen um Einzelfälle, die auf "Übermittlungsfehler" oder "Fehlinterpretationen" der Stundenzettel zurückzuführen seien. Man habe zuletzt weniger als ein Prozent der Gehälter korrigieren müssen. Zu den konkreten Einzelfällen will sich das Unternehmen nicht äußern, weist aber darauf hin, dass die "Unfallquote" bei der Bewachung der Objekte "sehr gering" sei. Dass Hundeführer ihre eigenen Tiere mitbringen, sei branchenüblich. Alle Unternehmen der Stölting-Gruppe seien verpflichtet, sich an Vorgaben und "gesetzliche Maßnahmen" zu halten.

Offiziell ist ohnehin nicht Stölting selbst in den Flüchtlingsheimen beschäftigt, sondern die mehrheitliche Tochter S.E.T. GmbH Security & Event Team. Das Unternehmen ist Mitglied im Branchenverband BDSW und erfüllt damit den Acht-Punkte-Plan der zuständigen Bezirksregierung in Arnsberg.

Vom Roten Kreuz, das mittlerweile das Flüchtlingsheim in Burbach betreibt, heißt es, S.E.T. sei von der Behörde in Arnsberg empfohlen worden. Es gebe "keine Probleme". Beim Betreiber der Flüchtlingsunterbringung in Essen, dem Unternehmen European Home Care, will man sich zu dem konkreten Fall nicht äußern, verspricht aber, man werde die Frage der Sicherheit in den Heimen "sauber aufstellen".

Haben Sie Informationen zu diesem Thema? Oder zu anderen Vorgängen in Politik und Wirtschaft, von denen Sie finden, dass die Öffentlichkeit sie erfahren sollte? Wir sind dankbar für jeden Hinweis. Dokumente, Daten oder Fotos können Sie hier in unserem anonymen Briefkasten deponieren.