Der Rekordausstand der Lokführergewerkschaft GDL belastet nicht nur die Nerven der Bahnkunden, sondern auch die deutsche Industrie: Das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) schätzt, dass der Streik die Unternehmen täglich zwischen 50 und 100 Millionen Euro kosten könnte. Der Rekordstreik werde "schmerzhaft und teuer". Diese Einbußen gelten allerdings erst ab dem vierten Streiktag. Vorher könnten Produktionsausfälle in der Regel durch Puffer und Umplanungen vermieden werden.

Die Schätzungen basieren auf Erfahrungen aus dem letzten großen GDL-Streik im November 2007 und auf aktuellen Zahlen des Güterverkehrs. 17 Prozent der gesamten Gütertransporte werden demnach via Schiene abgewickelt. Schenker, die Logistiksparte der Deutschen Bahn, kommt hier auf einen Marktanteil von zwei Drittel.

Das IW hat außerdem die Ankündigung der Bahn berücksichtigt, dass sie ein Drittel des Güterverkehrs mithilfe nicht streikender Lokführer aufrechterhalten wolle. Fällt allerdings auch dieser Teil weg, dann bleiben nur noch andere Logistikanbieter übrig. Dann werde es "ab dem vierten Tag kritisch für die Industrie", sagt Hagen Lesch vom IW.

Der Streik trifft vor allem die Bergbau-, Chemie- und Automobilindustrie. Das sind Branchen, die größtenteils just in time produzieren, also ohne große Vorratshaltung, und auf tägliche Schienentransporte angewiesen sind. Beim Transport schwerer Güter bleibe die Bahn alternativlos, die Binnenschifffahrt diene oft nur in Einzelfällen als Ersatz, sagt Lesch. Vor allem die kurzfristige Ankündigung ist eine Herausforderung für Unternehmen: Sie hatten nur einen Tag Zeit, um sich auf den Streik einzustellen und Alternativen zu finden. Der Streik beginnt am Mittwoch um 15 Uhr und soll bis Montagmorgen um vier Uhr dauern.

Obwohl auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) von "enormen volkswirtschaftlichen Kosten" und "unkalkulierbaren Risiken von Produktionsausfällen" warnt, geben sich die Unternehmen bislang relativ gelassen. So rechnet der Chemiepark-Betreiber Currenta, eine Bayer-Tochter, vorerst nicht mit spürbaren Auswirkungen auf die Produktion, obwohl er einen großen Teil der Logistik über die Schiene organisiert. Man habe sich frühzeitig Gedanken gemacht und "alternative Lösungen" gefunden, heißt es aus der Konzernzentrale.

Kaum volkswirtschaftliche Effekte

Panikmache hält auch Roland Döhrn vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen (RWI) für unangebracht. "Vermutlich wird man den Streik künftig in kaum einer makroökonomischen Reihe wiederfinden", sagt er. Produktionsrückstande könnten etwa leicht mit Mehrarbeit und Sonderschichten nach dem Streik ausgeglichen werden.

Die Schwarzmalerei der Wirtschaftsverbände kommentiert Döhrn fast lakonisch: Natürlich könne man jetzt jede einzelne Schadensmeldung hochmultiplizieren. "Ein realistisches Ergebnis erhält man so aller Erfahrung nach nicht, da sich Vieles über die Zeit wieder ausgleicht." Schließlich gebe es aus volkswirtschaftlicher Sicht auch zahlreiche  Streikgewinner. Dazu zählen nicht nur die Spediteure, die von den Verschiebungen des Güterverkehrs auf die Straße profitieren, sondern auch die Autovermieter. "Sie werden Probleme haben, in den nächsten Tagen einen Mietwagen zu buchen", schätzt er.