ZEIT ONLINE: Herr Wolff, Erbschaften sorgen bei vielen Menschen für Neid. Man denkt an die Rockefellers und Vanderbilts, an reiche Dynastien und Menschen wie Paris Hilton, die niemals arbeiten müssen. Sie aber sagen, dass Vererbungen die Ungleichheit in einer Gesellschaft reduzieren. Wie kann das sein?

Edward Wolff: Natürlich sind Schenkungen und Erbschaften ungleich verteilt. Nur ein Fünftel aller amerikanischen Familien haben 2007 überhaupt etwas geerbt. Kurz gesagt, die Empfänger von Erbschaften haben in der Regel schon Geld. Wer heute jung und wohlhabend ist, der hat normalerweise auch wohlhabende Eltern. Die reichsten ein Prozent haben 2007 rund 35 Prozent aller Vermögensumverteilungen erhalten, die reichsten 20 sogar 84 Prozent.

ZEIT ONLINE: Das klingt tatsächlich unfair.

Wolff: Nicht unbedingt. Denn in fast allen Fällen sind die Eltern reicher als die erwachsenen Kinder. Wenn eine sehr reiche Person stirbt, wird das Erbe meist an mehrere Personen weitergegeben, an Kinder und andere Verwandte. So wird ein sehr großes Vermögen in einer Hand zu mehreren kleinen Vermögen. Zugleich hat die Größe der Erbschaften abgenommen, unter anderem weil die Menschen länger leben und später vererben. Auch die Gelder, die an wohltätige Organisationen abgegeben werden, sind gestiegen. Anders als es etwa Thomas Piketty behauptet, hat diese Vermögensumverteilung die Ungleichheit also nicht erhöht – im Gegenteil.

ZEIT ONLINE: Aber das Vermögen bleibt trotzdem in der Hand einer kleiner Gruppe von Menschen.

Wolff: Das Vermögen wandert nicht von den Reichen zu den Armen, das stimmt. Es geht von den sehr reichen zu den etwas weniger reichen Familien. Über mehrere Generationen gesehen, wird es auf immer mehr Personen verteilt. Das Rockefeller-Vermögen – John D. Rockefeller war gemessen am Bruttoinlandsprodukt der reichste Mann, der in den USA je gelebt hat – war nach fünf Generationen auf mehr als 200 Personen aufgeteilt. Entsprechend verringert sich über Zeit die Ungleichheit. Aber die Armen in einer Gesellschaft erreicht das vererbte Vermögen natürlich nicht.

ZEIT ONLINE: Wenn Erbschaften und Schenkungen nichts mit der wachsenden Ungleichheit zu tun haben, was dann?

Wolff: Der wichtigste Grund ist die wachsende Kluft zwischen den Einkommen. Die Menschen an der Spitze haben schlicht mehr Geld zur Verfügung, um etwas zur Seite zu legen. Die Ersparnisse konzentrieren sich in der Oberschicht – ihr Anteil wächst. Die Mittelschicht kann dagegen kaum etwas zurücklegen. Beides zusammen führt zu einer steigenden Ungleichheit in den USA.

Ein weiterer Grund ist, dass die Aktienpreise seit einigen Jahren stärker gestiegen sind als die Häuserpreise. Aktien sind vor allem im Besitz der Wohlhabenden und Besserverdienenden. Immobilien sind dagegen traditionell das wichtigste Instrument der Mittelschicht, um Vermögen aufzubauen. Die Häuserpreise stagnieren aber seit Jahren und der Häusermarkt ist unter Druck.