Es ist eine Frage, die ein Tabu berührt und daher viele Analysten und Anleger umtreibt: Steigt die Europäische Zentralbank in den Ankauf von Staatsanleihen ein? Am Donnertag tagt der EZB-Rat, da könnte die Entscheidung fallen. Wahrscheinlich ist das aber nicht, eher wird sie noch abwarten. Zwar gibt es im EZB-Rat eine klare Mehrheit für diese unkonventionelle Art der Notpolitik.

Aber die EZB hat gerade erst mit dem Kauf von Pfandbriefen und Kreditverbriefungen begonnen, sie muss also deren Wirkung prüfen. Zudem muss sie bei all den unkonventionellen Maßnahmen viel aufklären und überzeugen, auch in eigenen Reihen. Vor allem von deutscher Seite hagelt es regelmäßig Kritik.

Nicht immer ist diese Kritik an der EZB allerdings gerechtfertigt. Das zeigt sich am Widerstand gegenüber dem Ankauf von Kreditverbriefungen (Asset Backed Securities, kurz ABS). Bundesbankpräsident Jens Weidmann sorgt sich um den Steuerzahler; der ehemalige EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark meinte gar, die EZB verkomme zur Bad Bank. Ebenso lautete die Kritik von Hans-Werner Sinn. Als "Schrottpapiere" wurden die europäischen ABS-Anleihen bezeichnet. Die Öffentlichkeit ist verunsichert. Aber sind die Vorwürfe stichhaltig?  

Wer verstehen will, warum das Instrument der sogenannten Kreditverbriefungen in Verruf geraten ist, muss kurz einen Blick auf den amerikanischen Markt für Billighypotheken (Subprime) werfen. Dort wurde über Jahre die Vergabe von Billig-Hypotheken zugelassen, um einkommensschwachen Haushalten unter die Arme zu greifen. Mit ihnen konnten Familien einen Hauskauf komplett finanzieren, ohne einen Pfennig Eigenkapital beizusteuern. Anders als in Europa vergaben nicht etwa Banken, sondern Finanzinstitute die amerikanischen Billig-Hypotheken. Sie liehen nicht etwa Einlagengelder als Kredit aus, sondern bündelten die vergebenen Hypotheken zu Paketen und verkauften diese Kreditverbriefungen am Markt.

In den USA war die Bonität der Schuldner relativ egal

Die Käufer erhielten einen hohen Zins, der sich aus den durchgereichten Hypothekenzinsen speiste. Daher rührt der Ausdruck  residential-mortgage-backed-securities, oder RMBS. Ähnliche Verbriefungen gibt es mit Darlehen an den Mittelstand, an Autokäufer oder Kreditkarten-Kunden. Mit den Erlösen aus dem Verkauf der ABS und RMBS-Anleihen finanzierten die Finanzinstitute wieder neue Kreditvergaben. Da die Finanzinstitute ihre Kredite oft schon nach wenigen Monaten als ABS-Pakete verkauften, scherten sie sich nicht sonderlich um die Bonität der Kreditnehmer. Dann kam der Knall.

Das Modell platzte, als in den Jahren 2006 und 2007 immer weniger Haushalte ihre fälligen Hypotheken zu dann  höheren Zinsen refinanzieren konnten. Die Hauspreise gaben um 30 Prozent nach, der Versteigerungserlös der Immobilien deckte die Hypotheken nicht mehr ab. Die Käufer der Kreditverbriefungen erlitten deftige Verluste, allen voran deutsche Landesbanken. Daher die – auch politisch geschürte – Empörung in Deutschland über die "Schrottpapiere", die die Finanzkrise auslösten.

Europas Markt für Kreditverbriefungen läuft anders

Der heutige europäische Markt für Kreditverbriefungen lässt sich jedoch nicht mit der verantwortungslosen Kreditvergabepolitik der amerikanischen Subprime-Krise vergleichen. Anders als die amerikanischen Finanzinstitute halten die europäischen Banken ihre Kreditrisiken oft jahrelang in der Bilanz stehen. Sie müssen also vorsichtiger bei der Kreditvergabe sein. Die Folge: Haushalte in Europa müssen in der Regel 15 bis 20 Prozent Eigenkapital für den Kauf einer Immobilie ansparen. Ihre Schuldentragfähigkeit wird strenger geprüft. Die Kreditnehmer sind daher älter, haben ein höheres Einkommen und eine stabilere berufliche Stellung als damals in den USA. Außerdem dürfen die Banken das Paket nicht komplett weiterverkaufen, sie müssen fünf Prozent des Risikos selbst behalten. "Es ist daher nicht korrekt, das Instrument der Kreditverbriefungen von vornherein als schlecht zu bezeichnen", sagt Alexander Batchvarov, Spezialist für strukturierte Finanzierungen bei Bank of America Merrill Lynch.

Marktvolumen von rund eine Billon Euro

In der Währungsunion beläuft sich der Markt von Kreditverbriefungen nach Angaben von Morgan Stanley auf etwas mehr als eine Billion Euro. Der größte Anteil (603 Milliarden Euro) entfällt auf Verbriefungen von Privat-Hypotheken (RMBS), die aus den Niederlanden, Spanien, Italien und Irland stammen. "Es kommt auf die Grundsubstanz der Kredite an und die ist in Europa von höherer Qualität als sie es damals am amerikanischen Subprime Markt war",  sagt Batchvarov. Von Schrottpapieren oder einer Bad Bank könne daher keine Rede sein.