Auch Premier Samaras hatte gehofft, die ungeliebten Inspekteure zum Jahresende ein für alle Mal verabschieden zu können. Aber daraus wurde nichts. Die Verhandlungen mit den Gläubigervertretern sind festgefahren. Athen ist mit versprochenen Strukturreformen im Rückstand, außerdem erwarten die Prüfer Vorschläge, wie die Finanzlücke des kommenden Jahres geschlossen werden kann. Bis zu einer Einigung halten EU und IWF bereitstehende Hilfskredite von 7,2 Milliarden Euro zurück.

Die ohnehin angespannte Finanzlage könnte sich verschärfen, denn die politische Ungewissheit ist Gift für die Konjunktur. Solange unklar ist, wohin das Land steuert, wird kaum jemand investieren. Auch die Banken dürften jetzt bei der Kreditvergabe noch zurückhaltender werden, als sie es ohnehin schon sind. "Die große Prüfung" titelte am Dienstag das Finanzblatt Imerisia. Die Unterzeile: "27 Tage Agonie für die Wirtschaft".

Das Linksbündnis Syriza liegt in allen Meinungsumfragen vorn. Allerdings lag der Anteil der unentschlossenen Wähler kurz vor Weihnachten noch bei fast 16 Prozent. Überdies ist die Parteienlandschaft in Bewegung: Dem früheren Premier Giorgos Papandreou, der Ende 2011 zum Rücktritt gezwungen wurde, werden Pläne nachgesagt, der 1974 von seinem Vater Andreas gegründeten Panhellenischen Sozialistischen Bewegung (Pasok) den Rücken zu kehren und mit einer eigenen Partei bei den Wahlen anzutreten. Kleinere Parteien könnten bei der Regierungsbildung eine Schlüsselrolle spielen, denn die Umfragen lassen nicht erwarten, dass der Favorit Tsipras eine absolute Mehrheit der Mandate erreicht.

Noch schwieriger als das Wahlergebnis ist vorherzusagen, welchen Kurs Tsipras als Regierungschef steuern würde. Die Auskünfte über seine politischen Pläne werden immer vager, je näher die Wahl rückt. Mal kündigt Tsipras an, er werde die Kreditverträge mit den internationalen Gläubigern "zerreißen", dann ist von "Verhandlungen" die Rede. Er will Privatisierungen rückgängig machen, verrät bisher aber nicht, ob er die Investoren enteignen oder entschädigen wird.

Der Syriza-Chef scheint darauf zu spekulieren, dass die EU und die EZB alles daransetzen werden, Griechenland in der Euro-Zone zu halten – selbst wenn eine Linksregierung den Sparkurs beendet und die Reformen zurückdreht. Da könnte er sich allerdings täuschen. 2015 ist nicht 2010. Anders als damals hat die EU inzwischen ein Instrumentarium zum Krisenmanagement. Die Ansteckungsgefahren gelten als gering, denn andere Problemländer wie Spanien, Portugal oder Irland sind weitgehend stabilisiert. 

Euro-Austritt inzwischen ungefährlich?

Der Ökonom Michael Hüther hält einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone für ungefährlich: "Ich glaube, die Währungsunion könnte heute einen Austritt Griechenlands verkraften", sagte der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln). Eine Regierung unter Tsipras wäre deshalb gegenüber der EU in einer schlechten Verhandlungsposition, meint Hüther, denn "die Erpressbarkeit Europas ist deutlich geringer als vor drei Jahren".

Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble warnt vor einer Abkehr vom Sparkurs: "Wenn Griechenland einen anderen Weg einschlägt, wird es schwierig." Tsipras zeigt sich von solchen Mahnungen unbeeindruckt. Er will Löhne und Renten auf das Vorkrisenniveau erhöhen, entlassene Staatsdiener wieder einstellen und die Banken zwingen, privaten Haushalten ihre Schulden zu erlassen. Die ausländischen Gläubiger müssten auf "den Großteil" ihrer Forderungen gegenüber Griechenland verzichten, kündigt Tsipras an. Und er glaubt, dass nach seinem Wahlsieg "die Finanzmärkte nach unserer Pfeife tanzen werden" und nicht umgekehrt, wie bisher.

Aus solchen Visionen spricht ein gefährliches Maß an politischer Naivität und ökonomischer Ignoranz. Das scheint auch viele Wähler zu stören. In den jüngsten Umfragen schrumpft der Syriza-Vorsprung zur konservativen Nea Dimokratia von Ministerpräsident Samaras. Nachdem die Marge im Sommer noch bis zu zehn Prozentpunkte betrug, liegt sie jetzt nur noch bei 2,5 bis drei Prozent. Das könnte darauf hindeuten, dass manche Griechen beim Gedanken an eine Syriza-Regierung kalte Füße bekommen.

Darauf setzt Ministerpräsident Samaras. Er hofft, dass die Wähler ihm am 25. Januar im Amt bestätigen: "Ich bin hier, um zu garantieren, dass Griechenland den sicheren Hafen erreicht."