In diesen Tagen, in denen der Rubel ins Bodenlose rauscht und russische Aktien wie abgelaufener Kaviar behandelt werden, gibt es auch gute Wirtschaftsnachrichten. Der Deutsche Aktienindex dürfte – Krise hin oder her – in den kommenden Monaten kräftig zulegen. Von derzeit 9.500 auf 10.800 Punkten, wenn man einer Umfrage unter Fondsmanagern und Aktienstrategen glaubt. Ein sattes Plus von fast 14 Prozent. Auch in der deutschen Wirtschaft bessert sich die Stimmung. Der Ifo-Index stieg im Dezember zum zweiten Mal in Folge.

Und das trotz einer heftigen Währungskrise in Russland, die sich zu einer veritablen Rezession auswachsen könnte. Sind die Folgen für die Weltwirtschaft und exportorientierte Länder wie Deutschland doch nicht so gravierend?

Ja und nein.

Denn die von der Nachrichtenagentur Reuters befragten Analysten haben eine kleine Fußnote an ihre Einschätzung gesetzt. Risiko: Russland. Sollte sich die Krise zur Staatspleite auswachsen, dürfte das weltweite Wachstum Schaden nehmen. Russlands Präsident Wladimir Putin bereitet seine Landsleute bereits auf eine längere Krise vor: Die Probleme könnten bis zu zwei Jahre andauern, sagte Putin am Donnerstag. Und der Rubel? Könne bei einem fallenden Ölpreis weiter an Wert verlieren.

Russland ist ein Sonderfall – bislang

Die deutschen Exporte nach Russland sind zwar infolge der Krise eingebrochen, der Hauptleidtragende ist jedoch bislang vornehmlich Russland selbst. "Solange in Russland nur die Wirtschaft schwächelt, sind die Auswirkungen begrenzt", sagt der Volkswirt Jürgen Matthes vom arbeitgebernahen Institut der Wirtschaft in Köln. Bislang fühlt er sich nicht an die Rubel-Krise von 1998 erinnert, als Investoren mit ihrem Geld aus dem Land flohen, die Währung binnen weniger Stunden um 60 Prozent einbrach und die Panik an den Finanzmärkten schnell auch andere Schwellenländer wie Brasilien erfasste. "Russland gilt an den Finanzmärkten als Sonderfall." Die Gefahr, dass die Krise auf die Schwellenländer übergreife, bestehe zwar. Aber derzeit gebe es dafür keine Anzeichen.

Doch wie praktisch jeder, mit dem man derzeit über die Gefahr für die Weltwirtschaft durch die Turbulenzen in Moskau spricht, fügt auch Matthes eine Einschränkung hinzu. "Sollte Russland bankrott gehen, muss das Ausland mit Schockwellen rechnen – vor allem die Banken." Der Westen wäre an seiner Achillesferse getroffen, so Matthes: Denn die Kreditinstitute haben immer noch mit den Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise zu kämpfen. Auch der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, rechnet im Falle einer Pleite mit deutlichen Kollateralschäden in Deutschland, der Eurozone und vielen Schwellenländern. "Zu glauben, dass Russland isoliert bleiben könnte, wird sich wohl als eine Illusion herausstellen." Es ist der Grundtenor dieser Tage. Eigentlich kann uns wenig passieren. Wenn nicht....

Gegen eine Staatspleite Russlands sprechen die geringe Schuldenquote und die gewaltigen Devisenreserven von mehr als 400 Milliarden Dollar. Allerdings ist der Puffer etwas abgeschmolzen – Russland will einen weiteren Rubel-Absturz mit aller Macht verhindern und wirft Milliarden Dollar auf den Markt.

"Mit einer Pleite muss man sich ernsthaft beschäftigen"

Dennoch wächst an den Finanzmärkten die Sorge vor einem Bankrott. "Eine Pleite Russlands ist etwas, womit man sich ernsthaft beschäftigen muss", warnt ein hochrangiger Banker in Frankfurt. DIW-Chef Fratzscher, der auch die Bundesregierung berät, wagt sich mit einer erstaunlichen Prognose vor: Bei rund einem Drittel liege die Wahrscheinlichkeit einer Pleite. Fratzscher will das aus den Absicherungspapieren gegen den Ausfall russischer Staatsanleihen herausgelesen haben, die an der Börse gehandelt werden.

Es geht um große Summen: Nach Daten der Russischen Zentralbank beliefen sich die gesamten Auslandsschulden im September auf fast 680 Milliarden Dollar. Der größte Teil davon entfällt nicht auf die Regierung (48 Milliarden), sondern auf russische Unternehmen (422 Milliarden) und Banken (192 Milliarden). Können die ihre Verbindlichkeiten nicht mehr bedienen, käme es auch in Europa und anderen Teilen der Welt zu Verlusten, warnt Chefvolkswirt Thorsten Polleit von Degussa Goldhandel. Viel schlimmer wäre jedoch der psychologische Effekt: Der Vertrauensverlust könnte sich so zu einer veritablen "Kreditkrise" ausweiten, sagt Polleit.

Denn auch in anderen Öl-Staaten haben sich Konzerne viel Geld am Kapitalmarkt besorgt, um etwa Pipelines zu bauen oder neue Felder zu erschließen. "Die Finanzmärkte sind nervös. Es gibt die Sorge, auch in anderen Öl-Ländern könnten die Kredite sauer werden", sagt Klaus-Jürgen Gern vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel.

Diese Nervosität ist Gift für den Finanzmarkt. Denn der Handel läuft zum Großteil über Computerprogramme, die blitzschnell Aktien, Anleihen oder Währungen verkaufen, sobald bestimmte Grenzwerte gerissen werden oder Ereignisse – wie eine befürchtete Herabstufung Russland – eintreten. Durch die totale Vernetzung kann sich eine Verkaufswelle so rasend schnell von Tokio nach Frankfurt und weiter nach New York ausbreiten. Ein Frankfurter Börsianer sagte der Nachrichtenagentur Reuters, Anleger müssten sich auf weitere Schockwellen an den Finanzmärkten gefasst machen. "Die Lage in Russland ist höchst beunruhigend."