"Keine Gnade den Korrupten." Simona Levis Augen funkeln angriffslustig. Für Dienstag, wenn weltweit der Tag des Kampfes gegen die Korruption begangen wird, verspricht sie Spanien die Aufdeckung eines weiteren Falls von illegaler Bereicherung und Vetternwirtschaft. Und für Januar schon den nächsten.

Levi ist keine der zahlreichen Wahrsagerinnen, die im Madrider Parque del Retiro die Zukunft aus Spielkarten und Handflächen lesen. Die 48-jährige Theatermacherin und ihre Organisation Xnet lancieren gezielt solche Ankündigungen. "In Spanien gibt es keine Tradition des Whistleblowing, aber das ändert sich gerade", sagt sie in ihrer Wohnung nahe der Ramblas von Barcelona. "Wir haben es satt, dass sich die Elite dieses Landes bereichert, während den Normalbürgern ein Opfer nach dem anderen abverlangt wird. Wenn wir genügend Geld hätten, um die Anwälte zu bezahlen, könnten wir umgehend 20 bis 30 Korruptionsfälle vor Gericht bringen."

Tatsächlich ist nie zuvor eine solche Flut von Skandalen ans Tageslicht gedrungen wie seit den Tagen, als Spaniens Immobilienblase platzte und das Land in einen Abwärtsstrudel riss, aus dem es nur langsam und mühevoll wieder auftaucht. Solange in Boomzeiten zumindest ein Großteil der Gesellschaft von dem scheinbar unaufhaltsamen Wertanstieg der Häuser und Wohnungen profitierte, schienen Schmiergelder von Baufirmen an Politiker irgendwie Konsens zu sein. Eine Hand wäscht die andere, und gemeinsam waschen wir Geld.

Damit soll nun Schluss sein. In Buzón X stehen aktuell mehr als 250 Zuschriften von Bürgern. Sie wollen unsaubere Geschäfte aufdecken. Buzón X ist die Mailbox der Bürgerbewegung Xnet, die 2011 aus der Bewegung der Empörten entstand. Über Wochen hielten sie die Plaza del Sol im Zentrum Madrids besetzt. Rund zehn Prozent der Mails, sagt Levi, seien stichhaltig. "Es ist wichtig, dass wir Ergebnisse erzielen, den Menschen zeigen, dass sich ihre Wehrhaftigkeit lohnt. Früher haben viele resigniert, weil die Mächtigen straffrei davonkamen."

Kaum jemand hat eine weiße Weste

Steuerhinterziehung bei Königskindern, undeklarierte Einkünfte auf Konten von Parteimitgliedern, Kreditkarten zur privaten, unkontrollierten Verfügung für die Führungskaste einer Großbank, die später mit Steuergeldern vor dem Untergang gerettet werden muss. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht ein neues schmutziges Detail bekannt wird. Langsam wird auch dem Letzten klar, warum vor einigen Jahren noch jeder vierte 500-Euro-Schein in Spanien gedruckt wurde. Manche wie der ehemalige Bürgermeister von Marbella lagerten sie sogar zu Hause in Müllsäcken.

Korruption sei "das tägliche Brot der Spanier", sagte Regierungschef Mariano Rajoy vor wenigen Tagen und versprach, "erbarmungslos" dagegen zu kämpfen. Dabei steckt er mit seiner konservativen Partei PP selbst bis zum Hals im Sumpf. Der ehemalige Wirtschaftsminister und Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), Rodrigo Rato, gab gerade sein Parteibuch zurück. Kurz zuvor war bekannt geworden, dass er ab 2009 als Chef der angeschlagenen Sparkasse Caja Madrid und nach deren Fusion mit weiteren Kassen zu Bankia von einem System mit "schwarzen Kreditkarten" profitiert hatte. Mit diesen Karten hatten Führungsmitglieder der Bank und Aufsichtsräte jahrelang private Hotelaufenthalte, Reisen und teure Einkäufe bezahlt. Unter ihnen waren auch zahlreiche Politiker und Gewerkschafter.

Angefangen hat alles mit einer E-Mail im Buzón X, in der ein anonymer Informant Folgendes schrieb: "Ich habe viele und wichtige Informationen, von denen ich wette, dass sie ein klares Bild der institutionalisierten Korruption in Spanien zeigen."