Die Waffen Saudi-Arabiens – Seite 1

Mineralöl ist die wichtigste Energiequelle der Welt und Deutschlands: Rund ein Drittel des gesamten Energieverbrauchs hierzulande wird durch Öl gedeckt – und das ist immer günstiger zu haben. In Dollar gerechnet ist Öl derzeit nur noch halb so viel wert wie vor einem halben Jahr. In Euro ist der Preissturz zwar nicht ganz so stark spürbar. Dennoch ist Benzin im Moment so billig wie seit vier Jahren nicht mehr. Der Mineralölwirtschaftsverband ließ kürzlich wissen, die deutschen Verbraucher hätten an den Tankstellen im vergangenen Jahr verglichen mit 2013 fünf Milliarden Euro gespart.

Was Autofahrer, Investoren und Politiker jetzt umtreibt, ist eine einzige Frage: Bleibt der Kraftspender billig? Signalisiert der Preissturz der Leitsorte Brent von mehr als 100 auf weniger als 50 Dollar pro Fass gar den Beginn einer neuen Ära, jenseits autofreier Sonntage und Kriegen ums Öl – oder handelt es sich nur um eine vorübergehende Abweichung vom gewohnten Trend steigender Preise?

Um es kurz zu machen: Alles spricht dafür, dass die Zeit des billigen Öls nicht ewig währt. Es wird technisch aufwendiger und damit teurer, die verbleibenden Vorkommen zu fördern. Obendrein befinden sich die meisten der nachgewiesenen Reserven unter der Kontrolle des Kartells der Erdölexportierenden Staaten (OPEC).

Die Frage ist deshalb nicht, ob Öl wieder teurer wird, sondern eher: Wie lange wird es noch so billig bleiben?

Wer sich die Angebots- und Nachfrageseite auf dem Weltmarkt anschaut, kann die Antwort erahnen. Die Ursache für den Preissturz der vergangenen Monate ist fast banal: Weltweit wird mehr Öl gefördert als verbraucht. Im dritten Quartal 2014 – aktuellere Daten liegen noch nicht vor – betrug der Unterschied zwischen Angebot und Nachfrage täglich 600.000 Fass.

Volle Öl-Lager, fallende Preise

Angesichts einer Fördermenge von mehr als 90 Millionen Fass pro Tag scheint das nicht viel. Aber es reicht aus. Denn das aktuell nicht verbrauchte Öl wird gebunkert; und es ist inzwischen so viel, dass in den Industrieländern demnächst die physischen Grenzen der Lagerkapazitäten erreicht werden könnten, so die Internationale Energie Agentur (IEA). Deshalb musste der Ölpreis abstürzen.

Eine steigende Nachfrage könnte ihn stabilisieren, doch sie müsste sehr viel kräftiger wachsen als bisher, und dafür spricht wenig. In den Industrieländern sinkt der Verbrauch seit 2005. Die Schwellen- und Entwicklungsländer verlangen zwar Jahr für Jahr mehr Öl, doch vor allem die chinesische Wirtschaft wächst längst nicht mehr so rasant. Unterm Strich rechnet die IEA damit, dass 2015 jeden Tag weltweit 93,3 Millionen Fass Öl nachgefragt werden. Das wären immer noch 400.000 Fass weniger, als im dritten Quartal 2014 gefördert wurden.

Doch obwohl die Weltkonjunktur und damit die Ölnachfrage lahmt: Wäre das Angebot nicht so rasant gewachsen, läge der Preis heute womöglich bei 150 Dollar pro Fass. Das vermutete neulich Adam Sieminski, der Chef der amerikanischen Energiebehörde Energy Information Administration (EIA). Er hat plausible Gründe.

Wie lange hält der Fracking-Boom?

Für das Gros des zusätzlichen Angebots sorgten die USA mit ihrer umstrittenen Methode des Fracking. Sie ließ die amerikanische Fördermenge seit dem Jahr 2008 um fast 3,5 Millionen Fass pro Tag steigen. Zum Vergleich: Deutschland verbraucht täglich 2,4 Millionen Fass. Zwar sind die USA noch immer der größte Importeur von Öl, aber sie führen jetzt deutlich weniger ein als um das Jahr 2005 herum. Was sie nicht mehr kaufen, vor allem Öl aus Algerien und Nigeria, drängt verstärkt nach Asien und Europa.

Eine entscheidende Frage für die künftige Entwicklung des Ölpreises ist deshalb: Wie lange hält der Fracking-Boom? Tatsächlich mehren sich die Zeichen, dass die Ölindustrie jenseits des Atlantiks ein Opfer ihres eigenen Erfolgs werden könnte. Denn je mehr sie fördert, desto billiger wird Öl – und desto weniger lohnen sich die Bohrungen.

Schon Mitte vergangenen Jahres veröffentlichte die EIA eine aufschlussreiche Statistik. Ihr zufolge haben 127 größere Öl- und Gasunternehmen seit 2010 deutlich mehr ausgegeben als sie eingenommen haben.

Im Jahr 2010 lag der Ölpreis noch bei rund 100 Dollar pro Fass. Schon ab 80 Dollar würden sich gut vier Prozent der US-Schieferölproduktion nicht mehr lohnen – das erklärte die IEA im vergangenen Herbst, als ein Fass Öl genau 80 Dollar kostete. Doch mittlerweile ist der Preis auf 50 Dollar gesunken, und in manchen Regionen liegt er sogar deutlich darunter. Die Differenz zum Weltmarktpreis kassieren dort Transportunternehmen, die den Rohstoff per Lkw und Eisenbahn aus den durch Pipelines schlecht erschlossenen Gegenden abtransportieren.

Bohrungen lohnen nicht mehr

Eine der wichtigsten Lagerstätten für Schieferöl ist die Bakken-Formation in den US-Bundesstaaten North Dakota und Montana, eine unterirdische geologische Schicht von enormer Ausdehnung. Lynn D. Helms, der Direktor des Amtes für mineralische Bodenschätze von North Dakota, machte vor wenigen Tagen Angaben über die Kosten neuer Bohrungen in den verschiedenen Gegenden dieser ölführenden Schicht: Sie liegen zwischen 29 und 77 Dollar pro Fass. Beim gegenwärtigen Ölpreis lohnen sich neue Bohrungen also nicht mehr überall.

Die Förderung aus bereits existierenden Bohrlöchern ist zwar deutlich billiger und vorerst nicht gefährdet. Sie wird erst ab einem Preis von weniger als 15 Dollar pro Fass unwirtschaftlich. Das Problem ist aber, dass die Fördermenge aus einer neuen Bohrung binnen des ersten Jahres um 60 bis 70 Prozent sinkt. Nur um die Ölförderung konstant zu halten, muss man deshalb immer neue Quellen erschließen. Helms schätzt, dass es einen Ölpreis von 55 Dollar pro Fass braucht, um die gegenwärtige Förderung aus der Bakken-Formation von täglich 1,2 Millionen Fass in den kommenden Jahren zu halten.

Weil Öl aber billiger ist, stehen die Zeichen momentan auf Förderrückgang. Das betrifft nicht nur amerikanisches Schieferöl. Auch die Förderung von Öl aus der Tiefsee und die Gewinnung aus kanadischem Ölsand sind teuer und damit gefährdet. Die IEA schätzt, dass bei Preisen von weniger als 80 Dollar täglich rund 2,6 Millionen Fass nicht mehr profitabel zu fördern wären. Fehlte diese Menge, dann gäbe es wegen der gut gefüllten Lager vorerst zwar immer noch keine Engpässe, aber der Ölpreis dürfte dennoch deutlich steigen.

Größte Umverteilung der Geschichte

Ob und wann es so weit kommt hängt davon ab, wie sich die Lage am anderen Ende der Erde entwickelt: Davon, wie lange Saudi-Arabien sich das billige Öl noch leisten kann.

Entgegen der bisher geübten Praxis reduzierten die Scheichs die Förderung nicht, als immer mehr US-Schieferöl auf den Markt kam und obendrein Libyen und der Irak ihre Förderung erhöhten. Im Boden Saudi-Arabiens lagern große Vorräte, die konkurrenzlos günstig zu fördern sind. Diesen Umstand nutzten die Saudis bisher, um den Ölpreis nicht dauerhaft fallen zu lassen. Sie verknappten das Angebot, wenn die Nachfrage einbrach oder zusätzliche Mengen außerhalb des Opec-Kartells gefördert wurden – während sie die Förderung im gegenteiligen Fall erhöhten.

Dieses Arrangement stellte zwar die ökonomische Logik auf den Kopf, weil ausgerechnet das teure, aus der Tiefsee, aus dichtem Gestein oder aus kanadischen Ölsanden gewonnene Öl immer Absatz fand, während der billige Stoff nur dazu diente, den Markt bei hohen Preisen ins Gleichgewicht zu bringen. Doch Importländer wie Ölstaaten waren mit dem Deal zufrieden, sagt der Hamburger Experte Steffen Bukold: Die einen, weil er ihre Versorgung sicherte, die anderen, weil er ihnen traumhafte Einnahmen bescherte. Bukold nennt es "die größte organisierte Vermögensumverteilung der Geschichte".

Das Arrangement ist geplatzt. Statt die Förderung zu senken, verteidigt Saudi-Arabien nun seinen Marktanteil, zeigt das orientalische Königreich, dass es entgegen mancher Vermutung noch immer ein mächtiger Akteur in der weltweiten Ölpolitik ist. Seither herrscht Wettbewerb auf dem Ölmarkt – mit dem Effekt, dass sämtliche Produzenten mit sinkenden Einnahmen kämpfen, auch Saudi-Arabien selbst. Bei einem Ölpreis von 50 statt 100 Dollar verlieren die Saudis täglich Exporteinnahmen in dreistelliger Millionenhöhe.

Billiges Öl als politische Waffe

Die Frage ist, wie lange sie das noch hinnehmen können – oder wollen. 2013 war der saudische Staatshaushalt noch im Plus; damals lag der Ölpreis im Jahresdurchschnitt bei rund 100 Dollar pro Fass. Laut einer Analyse der Bayerischen Landesbank braucht Saudi-Arabien einen Ölpreis von 83 Dollar, um seinen Haushalt auszugleichen. Das wachsende Budgetdefizit sei der "politische Preis", den das Land zahle, sagt Henner Fürtig, Direktor des Giga-Instituts für Nahost-Studien in Hamburg.

Ein Preis wofür? Ökonomisch halte der niedrige Ölpreis die amerikanische Konkurrenz in Schach und stärke die eigene Vormacht auf dem Markt, sagt Gunter Mulack, einst Botschafter in Kuwait und Bahrain, heute Direktor des Deutschen Orient-Instituts in Berlin. Politisch schade der Preiskampf Iran, dem regionalen – schiitischen – Erzrivalen der – sunnitischen – Saudis. Um ihren Haushalt auszugleichen, bräuchte die Regierung in Teheran einen Ölpreis von weit über 100 Dollar pro Fass. Dass das Öl nun viel billiger ist, trifft den bevölkerungsreichen und sanktionsgeschädigten Iran weit mehr als Saudi-Arabien selbst.

Rein ökonomisch können die Saudis die Folgen des billigen Öls noch eine Weile aushalten, mindestens 5 Jahre, sagt Guido Steinberg vom Berliner Thinktank Stiftung Wissenschaft und Politik. Das Königreich ist nicht nur kreditwürdig, sondern verfügt auch über ein Auslandsvermögen von mehr als 700 Milliarden Dollar. Je länger die Saudis den gegenwärtigen Kurs durchhalten, desto stärker wird anschließend der Ölpreis steigen.

Politisch aber hängt wohl viel vom Schicksal Abdullahs ab. Der 90 Jahre alte König Saudi-Arabiens ist schwer krank. Kommt ein Nachfolger an die Macht, könnte sich auch die Ölpolitik ändern. Dann würde das schwarze Gold schon bald wieder teurer.