Eine der wichtigsten Lagerstätten für Schieferöl ist die Bakken-Formation in den US-Bundesstaaten North Dakota und Montana, eine unterirdische geologische Schicht von enormer Ausdehnung. Lynn D. Helms, der Direktor des Amtes für mineralische Bodenschätze von North Dakota, machte vor wenigen Tagen Angaben über die Kosten neuer Bohrungen in den verschiedenen Gegenden dieser ölführenden Schicht: Sie liegen zwischen 29 und 77 Dollar pro Fass. Beim gegenwärtigen Ölpreis lohnen sich neue Bohrungen also nicht mehr überall.

Die Förderung aus bereits existierenden Bohrlöchern ist zwar deutlich billiger und vorerst nicht gefährdet. Sie wird erst ab einem Preis von weniger als 15 Dollar pro Fass unwirtschaftlich. Das Problem ist aber, dass die Fördermenge aus einer neuen Bohrung binnen des ersten Jahres um 60 bis 70 Prozent sinkt. Nur um die Ölförderung konstant zu halten, muss man deshalb immer neue Quellen erschließen. Helms schätzt, dass es einen Ölpreis von 55 Dollar pro Fass braucht, um die gegenwärtige Förderung aus der Bakken-Formation von täglich 1,2 Millionen Fass in den kommenden Jahren zu halten.

Weil Öl aber billiger ist, stehen die Zeichen momentan auf Förderrückgang. Das betrifft nicht nur amerikanisches Schieferöl. Auch die Förderung von Öl aus der Tiefsee und die Gewinnung aus kanadischem Ölsand sind teuer und damit gefährdet. Die IEA schätzt, dass bei Preisen von weniger als 80 Dollar täglich rund 2,6 Millionen Fass nicht mehr profitabel zu fördern wären. Fehlte diese Menge, dann gäbe es wegen der gut gefüllten Lager vorerst zwar immer noch keine Engpässe, aber der Ölpreis dürfte dennoch deutlich steigen.

Größte Umverteilung der Geschichte

Ob und wann es so weit kommt hängt davon ab, wie sich die Lage am anderen Ende der Erde entwickelt: Davon, wie lange Saudi-Arabien sich das billige Öl noch leisten kann.

Entgegen der bisher geübten Praxis reduzierten die Scheichs die Förderung nicht, als immer mehr US-Schieferöl auf den Markt kam und obendrein Libyen und der Irak ihre Förderung erhöhten. Im Boden Saudi-Arabiens lagern große Vorräte, die konkurrenzlos günstig zu fördern sind. Diesen Umstand nutzten die Saudis bisher, um den Ölpreis nicht dauerhaft fallen zu lassen. Sie verknappten das Angebot, wenn die Nachfrage einbrach oder zusätzliche Mengen außerhalb des Opec-Kartells gefördert wurden – während sie die Förderung im gegenteiligen Fall erhöhten.

Dieses Arrangement stellte zwar die ökonomische Logik auf den Kopf, weil ausgerechnet das teure, aus der Tiefsee, aus dichtem Gestein oder aus kanadischen Ölsanden gewonnene Öl immer Absatz fand, während der billige Stoff nur dazu diente, den Markt bei hohen Preisen ins Gleichgewicht zu bringen. Doch Importländer wie Ölstaaten waren mit dem Deal zufrieden, sagt der Hamburger Experte Steffen Bukold: Die einen, weil er ihre Versorgung sicherte, die anderen, weil er ihnen traumhafte Einnahmen bescherte. Bukold nennt es "die größte organisierte Vermögensumverteilung der Geschichte".

Das Arrangement ist geplatzt. Statt die Förderung zu senken, verteidigt Saudi-Arabien nun seinen Marktanteil, zeigt das orientalische Königreich, dass es entgegen mancher Vermutung noch immer ein mächtiger Akteur in der weltweiten Ölpolitik ist. Seither herrscht Wettbewerb auf dem Ölmarkt – mit dem Effekt, dass sämtliche Produzenten mit sinkenden Einnahmen kämpfen, auch Saudi-Arabien selbst. Bei einem Ölpreis von 50 statt 100 Dollar verlieren die Saudis täglich Exporteinnahmen in dreistelliger Millionenhöhe.

Billiges Öl als politische Waffe

Die Frage ist, wie lange sie das noch hinnehmen können – oder wollen. 2013 war der saudische Staatshaushalt noch im Plus; damals lag der Ölpreis im Jahresdurchschnitt bei rund 100 Dollar pro Fass. Laut einer Analyse der Bayerischen Landesbank braucht Saudi-Arabien einen Ölpreis von 83 Dollar, um seinen Haushalt auszugleichen. Das wachsende Budgetdefizit sei der "politische Preis", den das Land zahle, sagt Henner Fürtig, Direktor des Giga-Instituts für Nahost-Studien in Hamburg.

Ein Preis wofür? Ökonomisch halte der niedrige Ölpreis die amerikanische Konkurrenz in Schach und stärke die eigene Vormacht auf dem Markt, sagt Gunter Mulack, einst Botschafter in Kuwait und Bahrain, heute Direktor des Deutschen Orient-Instituts in Berlin. Politisch schade der Preiskampf Iran, dem regionalen – schiitischen – Erzrivalen der – sunnitischen – Saudis. Um ihren Haushalt auszugleichen, bräuchte die Regierung in Teheran einen Ölpreis von weit über 100 Dollar pro Fass. Dass das Öl nun viel billiger ist, trifft den bevölkerungsreichen und sanktionsgeschädigten Iran weit mehr als Saudi-Arabien selbst.

Rein ökonomisch können die Saudis die Folgen des billigen Öls noch eine Weile aushalten, mindestens 5 Jahre, sagt Guido Steinberg vom Berliner Thinktank Stiftung Wissenschaft und Politik. Das Königreich ist nicht nur kreditwürdig, sondern verfügt auch über ein Auslandsvermögen von mehr als 700 Milliarden Dollar. Je länger die Saudis den gegenwärtigen Kurs durchhalten, desto stärker wird anschließend der Ölpreis steigen.

Politisch aber hängt wohl viel vom Schicksal Abdullahs ab. Der 90 Jahre alte König Saudi-Arabiens ist schwer krank. Kommt ein Nachfolger an die Macht, könnte sich auch die Ölpolitik ändern. Dann würde das schwarze Gold schon bald wieder teurer.