Es ist ein anecdotal evidence: eine dieser Geschichten, für die es mal wieder keine statistischen Belege gibt, die aber dieser Tage durch Brüssel schwirren: Ausgerechnet jetzt, in Wahlkampfzeiten, hätten die Griechen wieder einmal die Steuerzahlungen eingestellt. Die Höhe des Steueraufkommens? Ach, wer kennt schon die genauen, aktuellsten Zahlen. Es ist eine Geschichte, die gezielt erzählt wird. Der Spin ist einfach: Griechenlands Finanzprobleme sind hausgemacht. Und sie sind erst einmal nicht die Probleme der Kreditgeber.  

Griechenland hat gewählt: einen Mann, der sich nicht mehr dem Diktat der Kreditgeber unterwerfen will.Alexis Tsipras' Mission ist klar: Weg mit den Sparauflagen der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds. Schluss mit dem Reformzwang der vergangenen Jahre. "Die Entschlossenheit des griechischen Volkes macht die Troika nun zur Vergangenheit", hatte Tsipras den Menschen in Athen gleich nach dem Wahlsieg am Sonntag zugerufen.

Es sind Töne, die in Brüssel noch nicht einmal mit einer hochgezogenen Augenbraue kommentiert werden. Offiziell gibt sich die EU höflich: Artig wird dem neuen Ministerpräsidenten zur Wahl gratuliert, mehrfach wird betont, dass man selbstverständlich die Wahl des griechischen Volkes akzeptiere. Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem telefoniert am Montagnachmittag sogar gleich mit dem potenziellen neuen Finanzminister Yiannis Varoufakis, um sich zusichern zu lassen, dass die neue Regierung mit der Eurogruppe gut verhandeln und Griechenland im Euro bleiben wolle. "Das ist doch schon mal eine Aussage, mit der man arbeiten kann", sagt Dijsselbloem. Er ist erleichtert, dass schon einen Tag nach der Wahl die neue griechische Regierung steht. Das verschaffe Zeit für die anstehenden Verhandlungen.  

Griechenland soll was bieten

Bloß kein Feuer ins Öl schütten: Zu abenteuerlich ist gerade die politische Lage in Griechenland. Und die Beziehungen zu Griechenlands Geldgebern sind vor allem eins: komplett verfahren. "Beide Seiten werden irgendeinen Kompromiss finden müssen", sagt Fabian Zuleeg vom European Policy Center, einem unabhängigen Thinktank in Brüssel. Die EU könnte sich etwa auf Erleichterung bei der Schuldenlast einlassen. "Aber solche Spielräume sind nicht umsonst zu haben, Griechenland muss auch etwas bieten", sagt Zuleeg.

Zwei milliardenschwere Hilfspakete wurden Griechenland seit Ausbruch der Finanzkrise gewährt: Ein erstes Paket in Höhe von 73 Milliarden, das vor allem aus bilateralen Krediten bestand. Und ein zweites Paket von insgesamt 167 Milliarden Euro, finanziert vor allem aus dem Rettungsfonds ESM und dem IMF. Der Deal war immer: Kredite nur gegen Reformen. Bis Dezember 2014 hätte Athen eigentlich alle Reformen umsetzen müssen, zu denen es sich verpflichtet hatte, denn dann wäre das zweite Hilfspaket ausgelaufen und die letzte ausstehende Tranche von 1,8 Milliarden Euro hätte ausgezahlt werden müssen. Doch weil die Regierung unter Ex-Premier Antonis Samaras die Zusagen nicht einlöste, stattdessen Präsidentenwahlen herbeipokerte, wurde Griechenland ein Aufschub gewährt.

Theoretisch hat Tsipras nun also bis zum 28. Februar 2015 Zeit, um die ausstehenden Reformen umzusetzen. Die Troika hat ein Loch im Haushalt von mindestens 2,5 Milliarden Euro entdeckt und verlangt extrem unpopuläre Maßnahmen wie Rentenkürzungen. 

Griechenland kann sich nicht selbst refinanzieren

Schafft Tsipras es nicht, diese möglichst schnell umzusetzen, wird es richtig teuer: Die letzte ausstehende Tranche von 1,8 Milliarden Euro verfällt. Außerdem noch elf Milliarden Euro, die für die Rettung von griechischen Banken vorgesehen waren, aber nicht gebraucht wurden – und die Griechenland hätte bekommen können. Und vor allem aber bekommen Griechenlands Banken ein großes Problem. Sie erhalten derzeit eine indirekte, finanzielle Rückendeckung von der Europäischen Zentralbank; allerdings nur, wenn Griechenland weiter reformiert

Fachleute schätzen zwar, dass Griechenland bis zum Sommer "durchfinanziert" ist, wie es im Finanzjargon heißt, also fällige Anleihen in Höhe von neun Milliarden bedienen kann. Aber was ist dann? Komplett selbstständig kann sich Griechenland inzwischen wohl kaum an den Finanzmärkten refinanzieren, dafür verlangen Investoren noch immer zu hohe Risikoaufschläge.

Das Problem für Tsipras ist: Ein Leben ohne Troika, wie er es seinen Wählern immer wieder versprochen hat, wird es erst einmal für Griechenland nicht geben können. Es sei denn, Griechenland wählt die (unrealistische) Rückkehr zur Drachme. Die EU hat Griechenland bereits im vergangenen Jahr eine Art Dispokredit in Aussicht gestellt, falls die Finanzierung am freien Markt nicht perfekt klappt. Im Gegenzug für diese sogenannte vorsorgliche Kreditlinie muss Griechenland aber ebenfalls weiter Reformen durchziehen – unter EU-Aufsicht. Die manchem Syriza-Anhänger so verhasste EU-Kommission ist kaum aus dem Land zu bekommen.

Und in Brüssel? Dort lassen die EU-Verantwortlichen klar durchblicken, dass nun Griechenland am Zuge sei: Die neue griechische Regierung müsse jetzt sagen, was sie wolle, so Eurogruppen-Vertreter. Noch habe man keinen Antrag auf eine weitere Fristverlängerung für das zweite Hilfspaket erhalten, bemerkt man spitz.

Drittes Hilfspaket bleibt ein Tabuwort

Manchem Euroland ist das gar nicht so recht unrecht. In Finnland wird etwa im April das Parlament neu gewählt  – und erst vor wenigen Tagen hatte der finnische Regierungschef Alexander Stubb bereits deutlich seinen Widerwillen durchblicken lassen, sich vorher offiziell mit Griechenland beschäftigen zu müssen. Der simple Grund: In Finnland muss, wie auch in Deutschland, das Parlament einer Verlängerung des EU-Hilfspakets zustimmen. Eine solche Wahl will sich wohl keine Regierung mit einer Griechenland-Diskussion verderben wollen – egal, ob es um die Verlängerung des zweiten Hilfspakets geht oder gar um ein drittes.

Ein drittes Hilfspaket, das ist zurzeit das Tabuwort in Brüssel. Dabei muss es wohl kommen, wenn Griechenland im Euro bleiben soll (und laut Tsipras auch will) und sich das Land noch nicht wieder eigenständig an den Finanzmärkten Geld beschaffen kann. Doch darüber will in diesen Tagen gerade niemand öffentlich reden. Auch wenn weitere Hilfen für alle Beteiligten wohl immer noch günstiger wären, als einen Grexit zu riskieren – und erneut einen Flächenbrand in der Eurozone zu entfachen.