Es ist die Gretchenfrage dieses Winters: Nun sag, wie hältst Du's mit einem Euro-Austritt Griechenlands? Die deutsche Regierung streut seit Tagen sich widersprechende Szenarien: Mal sehen Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble einen Austritt relativ gelassen, mal fürchten sie das wirtschaftliche Risiko.

Dass über das (sehr unwahrscheinliche) Euro-Ende an der Ägäis überhaupt spekuliert wird, ist einem Mann zu verdanken, der derzeit als aussichtsreichster Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten gilt: Alexis Tsipras. Der Anführer des linken Parteienbündnisses Syriza galt in Berlin und Brüssel lange als ökonomischer Wirrkopf, dessen Radikalforderungen – Schuldenschnitt und Ende der Sparauflagen – entweder verteufelt oder schlicht ignoriert wurden.

Tatsächlich könnte Tsipras viel mehr zur Lösung der griechischen Tragödie beitragen, als viele in der politischen Elite derzeit wahrhaben wollen. Seine Radikalität mag abschrecken. Doch Tsipras stellt berechtigte Forderungen.

1. Bruch mit dem Establishment

Tsipras wäre der erste Regierungschef in Athen, der nicht dem Zirkel der etablierten Parteien angehört, die Griechenland seit Jahrzehnten wie einen Selbstbedienungsladen verwalten. Die Unfähigkeit der politischen Klasse, Reformen auch gegen die eigene Klientel ernsthaft durchzuziehen und zum Beispiel eine funktionierende Steuerverwaltung zu etablieren, sind eine der Hauptursachen der Dauerkrise.

"Griechenland wird seit Generationen von einer kleinen Elite regiert, der es wichtiger ist, die eigene Macht zu erhalten und Pfründe zu sichern, als funktionierende Institutionen und eine breite Teilhabe der griechischen Bürger zu schaffen", schreibt der deutsche Regierungsberater und Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung

Tsipras verkörpert nicht nur ein Ende des alten Systems – er sagt diesem auch offen den Kampf an. Eine seiner Ankündigungen: Im Falle eines Wahlsieges soll der Einfluss der Oligarchen, die im Bündnis mit korrupten Politikern Teile der Wirtschaft kontrollieren, beschnitten werden. Auch in Brüssel und Berlin wird das mittlerweile als Vorteil gesehen. "Mit Tsipras käme immerhin mal einer ins Amt, der nicht zur alten Machtelite gehört, die Griechenland den ganzen Schlamassel beschert haben", zitiert die Süddeutsche Zeitung aus Kreisen der Geldgeber.

2. Griechenland nützt weiteres Sparen nicht

Tsipras will mit einer Sparpolitik brechen, mit der öffentliche Ausgaben gekappt, Staatsbedienstete entlassen und Renten sowie Gehälter drastisch gekürzt wurden. Was in einem gewissen Umfang absolut notwendig war, hat sich knapp fünf Jahre nach Ausbruch der Krise zu einem der wichtigsten Gründe für die Hartnäckigkeit der Krise entwickelt. Auch wenn die Wirtschaft zuletzt wieder minimal wuchs: Die Sparvorgaben sind mitverantwortlich für die ökonomische Sturzfahrt, ist sich die Mehrheit der Ökonomen einig.

Die Wirtschaft ist seit 2010 um rund 20 Prozent eingebrochen, die Arbeitslosenquote hat sich im selben Zeitraum verdoppelt. Nach Einschätzung von Ifo-Chef Hans-Werner Sinn ist die griechische Wirtschaft von der Wettbewerbsfähigkeit "meilenweit" entfernt. Der frühere EU-Kommissar Günter Verheugen ist sich sicher: "Was die Menschen in Griechenland erleben, ist etwas, was bei uns in Deutschland innerhalb kürzester Zeit ins totale Chaos führen würde. Unser Volk hätte nicht die Geduld, die die Griechen aufbringen."