"Geld ist im Überfluss vorhanden"

ZEIT ONLINE: Herr Koo, die Wirtschaft in der Eurozone kommt nicht in Schwung, die Gefahr einer Deflation nimmt zu. Die Europäische Zentralbank will deshalb Staatsanleihen aufkaufen. Quantitative Easing (QE) heißt das im Fachjargon. Ist das die richtige Strategie? 

Richard Koo: Nein, denn Geld ist schon jetzt im Überfluss vorhanden. Es steckt nur im Bankensektor fest und landet nicht da, wo es gebraucht wird – in der realen Wirtschaft. QE wird daran nichts ändern. In diesem Punkt bin ich ausnahmsweise mit der deutschen Regierung einer Meinung: Die EZB sollte die Finger davon lassen.

ZEIT ONLINE: Sie sehen keine Deflationsgefahr? 

Koo: Diese Frage spielt nur eine untergeordnete Rolle. Deflation ist nur ein Symptom für das eigentliche Problem.

ZEIT ONLINE: Was ist das eigentliche Problem?

Koo: Die Politik in Europa muss endlich begreifen: Wir haben – mit der Ausnahme von Griechenland – keine Staatsschuldenkrise in der Eurozone. Überall auf der Welt sind 2008 und danach schuldenfinanzierte Spekulationsblasen geplatzt. Dadurch sind die Schulden der Unternehmen, Banken und auch der Bürger in vielen Eurostaaten stark gestiegen. Sie sind jetzt dabei, diese Schulden wieder abzubauen. Kaum jemand nimmt noch Kredite auf, obwohl die Zinsen nahe Null liegen. Die Eurostaaten stecken in einer so genannten Bilanzrezession. Mit einer zu hohen Staatsverschuldung hat das Ganze nichts zu tun.

ZEIT ONLINE: Was sollte die Politik tun? 

Koo: Wenn alle sparen und Schulden abbauen, braucht es jemand anderen, der investiert, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Und das kann in diesem Fall nur der Staat sein. Ich würde mir wünschen, dass Angela Merkel den Krisen-Ländern – mit Ausnahme von Griechenland – endlich sagt: Ihr habt kein Schuldenproblem, ihr könnt es euch leisten, mehr Schulden zu machen, um die Konjunktur zu stützen. Ihr müsst es sogar! Die Sparpolitik war einer der größten Fehler seit Ausbruch der Eurokrise.

ZEIT ONLINE: Wenn die Null-Zins-Politik und der Kauf von Staatsanleihen nichts bringen, warum macht es Mario Draghi dann?

Koo: Die Konjunktur in der Eurozone lahmt und das schon seit Längerem. Da kann Mario Draghi als Präsident der Europäischen Zentralbank nicht einfach still sitzen bleiben. Er muss die Zinsen radikal senken. Am Ende aber kann er das Problem nicht lösen, er kann nur die Symptome bekämpfen. 

ZEIT ONLINE: In Amerika hat die Fed über Jahre QE eingesetzt und die eigene Bilanz auf mehrere Billionen Dollar aufgebläht. Heute wächst die US-Wirtschaft wieder mit über drei Prozent. Der ehemalige Fed-Chef Ben Bernanke feiert seine Politik als großen Erfolg. 

Koo: Wenn man sich die Zahlen genau anschaut, ist der Einfluss von QE in den USA minimal. Das Kreditvolumen hat sich in den sechs Jahren, in den die Fed Anleihen gekauft hat, nur um sieben bis acht Prozent erhöht. Das ist gemessen an der riesigen Menge Geld, die die Fed eingesetzt hat, so gut wie nichts. 

ZEIT ONLINE: Trotzdem stehen die USA heute besser da als die Eurozone.

Koo: Ja, weil die USA eben nicht angefangen haben, in der Krise ihren Haushalt zu konsolidieren. Und in diesem Punkt unterscheidet sich auch Ben Bernanke von Mario Draghi. Bernanke hat die US-Regierung immer wieder gewarnt: Fangt jetzt bloß nicht mit dem Sparen an, dann bricht uns die Wirtschaft komplett weg.

Die Regierung ist diesem Ratschlag gefolgt. Und das war keinesfalls einfach, wie man an den hitzigen Debatten über die Schuldenobergrenze und dem zeitweisen Goverment Shutdown gesehen hat. Mario Draghi sagt dagegen auf jeder seiner Pressekonferenzen: Die Eurostaaten müssten ihre Haushalte konsolidieren und die Defizite reduzieren. Dabei sollte er es besser wissen. 

ZEIT ONLINE: Welche Risiken bestehen, wenn eine Zentralbank Staatsanleihen kauft?

Koo: QE könnte der Ausgangspunkt für eine neue Krise sein. Nehmen sie die Fed: Die Notenbank hat den Markt mit Billionen von Dollar geflutet, in der Hoffnung, damit die Wirtschaft zu stützen. Irgendwann, spätestens wenn die Wirtschaft wieder gut läuft, muss sie den Märkten das Geld wieder entziehen. Sonst bekommt sie ein Inflationsproblem.

Die Fed besitzt nur zum großen Teil langfristig laufende US-Staatsanleihen. Verkauft sie die und entzieht dem Markt so Geld, steigen die Zinsen und damit die Refinanzierungskosten der USA. Um ganz deutlich zu sagen: Dann ist die Kacke am Dampfen.

"Die Folgen der Sparpolitik sind verheerend"

ZEIT ONLINE: Wenn man Sie so hört, könnte man glauben, die Krisenstrategie der vergangenen vier Jahre war komplett verfehlt. 

Koo: Die Folgen der Sparpolitik sind für ganze viele Bürger verheerend. Wenn die Länder Südeuropas nicht so rigoros gespart hätten, wäre die Arbeitslosigkeit dort niemals so stark gestiegen. Sogar die Haushaltslage wäre unter Umständen besser als zu Beginn der Krise. Einfach, weil die Wirtschaft nicht so stark eingebrochen wäre.

ZEIT ONLINE: Befürworter der Strategie behaupten, Südeuropa muss sich strukturell erneuern, den Arbeitsmarkt reformieren, die Wirtschaft liberalisieren, dann kommt auch das Wachstum zurück. Würden sie dem zustimmen?

Koo: Ich habe nichts gegen sinnvolle Strukturreformen, sie können langfristig sehr positive Wirkung entfalten. Aber sie müssen zum richtigen Zeitpunkt erfolgen. Und strukturelle Probleme müssen die Ursache für die herrschende Krise sein. Das ist in der Eurozone aber nicht der Fall.

Ich gebe ihnen ein Beispiel: 1997 hat der japanische Ministerpräsident Ryūtarō Hashimoto die Ratschläge des Internationalen Währungsfonds befolgt und eine Reihe von Strukturreformen vorgenommen sowie eine harte Sparpolitik durchgesetzt. Raten Sie mal, was passiert ist? Die Wirtschaft ist zusammengebrochen, der Bankensektor hat große Probleme bekommen, und das Haushaltsdefizit hat sich dramatisch erhöht. Wir haben zehn Jahre gebraucht, um uns von diesem Schock zu erholen. Dieser eine Fehler hat die japanische Rezession um mindestens fünf Jahre verlängert. 

ZEIT ONLINE: Aber wie kann verhindert werden, dass die Staaten einfach immer nur noch mehr Schulden machen?

Koo: Ich halte die Drei-Prozent-Regel im Vertrag von Maastricht für sehr klug. Sie muss unter normalen Umständen auch eingehalten werden und wer dagegen verstößt, muss hart sanktioniert werden. Aber alle paar Jahrzehnte spielt der Privatsektor eben verrückt, Spekulationsblasen platzen, und es wird in der Folge nicht mehr investiert. Dann darf der Staat nicht auch noch sparen. So einfach ist das. 

ZEIT ONLINE: Sie nennen Griechenland als große Ausnahme. Ende Januar wählt das Land zum dritten Mal seit Beginn der Krise ein neues Parlament. Wie sollte Europa mit Griechenland umgehen?

Koo: Die Griechen haben in den vergangenen Jahrzehnten viel Unsinn betrieben und deutlich über ihren Verhältnissen gelebt. Hier ist die Staatsverschuldung wirklich ein Problem. Ich halte es deshalb für einen cleveren Schachzug, dass die Bundeskanzlerin gesagt hat: Ein Euro-Austritt Griechenlands ist für den Rest der Währungsunion verkraftbar. Damit bleibt der Druck auf das Land erhalten. 

ZEIT ONLINE: Sollte Griechenland den Euro wirklich aufgeben?

Koo: Wenn ich mich mit deutschen Politikern unterhalte, dann höre ich: Griechenland sei wieder ziemlich wettbewerbsfähig geworden, die Löhne seien stark gesunken. Ich halte es deshalb für fraglich, ob es für die Griechen jetzt noch sinnvoll ist, die Währungsunion zu verlassen. Vielleicht wäre das vor vier Jahren angebracht gewesen, aber heute?

ZEIT ONLINE: Was passiert, wenn wir mit der Sparpolitik so weitermachen wie bislang?

Koo: Die euroskeptischen Kräfte werden weiter an Einfluss gewinnen und am Ende vielleicht auch Wahlen für sich entscheiden. Ich halte den Euro für eine der größten Errungenschaften Europas. Aber mit der jetzigen Krisenstrategie ist er gefährdet.